Hilfe für Hinterbliebene

Hypnosystemische Trauerbewältigung und narrative Erzähltherapie, eine wirksame Therapiekombination zur Trauerbewältigung

Wenn es um die Unterstützung trauernder Personen geht, ist die „Trauerarbeit“ zunächst in drei Formen aufgeteilt. Die Trauerbegleitung, die Trauerberatung und die Trauertherapie. Die Übergänge sind oft fließend, längere Prozesse sollten aber im therapeutischen Setting geschehen.

Tiefe Trauer gleicht häufig einen tranceähnlichen Zustand. Deshalb hat der deutsche Psychotherapeut und Trauerbegleiter Roland Kachler den neuen Ansatz der hypnosystemischen Trauerarbeit entwickelt, in dem er das Umfeld der trauernden Person und Hypnosetherapie vereinigt. Denn in seiner früheren Arbeit als Trauerbegleiter hatte er die Erfahrung gemacht, dass sein Ratschlag, den Verstorbenen „loszulassen“, bei den Trauernden  große Widerstände provozierte. Das führte zu einer relativ hohen Abbruchquote der Therapie und Roland Kachler hatte selbst das „Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber dem als endgültig definierten Verlust“.[1]

Gunther Schmidt vereinigt unterschiedliche Ansätze der Therapie

Der Hypnose- und Psychotherapeut Gunther Schmidt hatte schon 2005 den Hypnosystemischen Ansatz für die Psychotherapie definiert[2]. Schmidt war es gelungen, hypnotische und systemische Therapie zu vereinen, wobei tiefenpsychologische Ansätze nach Carl Gustav Jung, Ansätze der Transaktionsanalyse, der Ego-State-Therapie – worin Handwerkzeug der Traumatherapie mit einfloss – und nicht zuletzt religionssoziologische und religionspsychologische Erkenntnisse mit einflossen.

Aber zurück zum trauernden Klienten. Frühere Ansätze der Therapie folgten Sigmund Freuds Verständnis der Libidotheorie: „Ziehe deine Energie vom Verstorbenen ab – löse die emotionale Bindung zum Verstorbenen – durchlebe die Trauer, um dann wieder frei zu sein – schließe die Trauer und Trauerarbeit ab – nutze die zurückgewonnene Libido für neue Beziehungen und Lebensaufgaben.“[3] In meiner eigenen Erfahrung rief das bei Klienten großen Widerstand hervor. Und ich war nicht dazu bereit, es darauf beruhen zu lassen. Schon Bowlby wies darauf hin[4], dass Hinterbliebene nicht bereit sind, Verstorbene aus ihren Erinnerungen zu löschen.

Verstorbene mischen sich in neue Beziehungen ein

Immer wieder war ich in meiner Trauerbegleitung mit einem bestimmten Problem konfrontiert. War es der trauernden Person gelungen, dem Verstorbenen einen dauerhaften Platz in ihrem Leben zu geben und ging die Trauernde eine neue Beziehung ein, entstand ein triadisches System, in dem der Verstorbene weiterhin eine wichtige Rolle im System der Lebenden spielte.

Anja Bednarz fragte in ihrer Studie „Den Tod überwinden. Deuten und Handeln im Hinblick auf das Sterben eines Anderen“ Hinterbliebene, wie sie den Tod einer Beziehungsperson verarbeiteten und stellte fest, dass die Beziehung zu dem Toten „integraler Bestandteil der Identität der Nachbleibenden“ ist[5]. In der Studie kommt sie zu dem Ergebnis: „Verstorbene haben über den Tod hinaus eine bedeutsame Funktion im Leben der Hinterbliebenen – Die Verstorbenen bleiben imaginativ im Erleben und Handeln der Überlebenden präsent – Die Verstorbenen werden als bedeutsame Andere bewahrt – Die Trauernden gebrauchen Mittel, die zur Vergegenwärtigung und sozialen Integration der Toten dienen (Grab, Fotos etc.)[6]

Es ist wichtig, die eigene Biografie weiter zu erzählen

Robert Neimeyer, Professor für Psychotherapie an der Universität von Nebraska, sieht dahinter zwei menschliche Grundbedürfnisse: Das Bedürfnis nach Kontinuität der biografischen Selbsterzählung – und das Bedürfnis nach Bedeutung und Sinn der biografischen Erfahrung.  Roland Kachler kommentiert dazu, dass Trauernde aus diesen beiden Grundbedürfnissen der biografischen Selbstbetrachtung heraus eine Neukonstruktion ihres Welt- und Selbstbildes finden können. Die Identität des Hinterbliebenen hat sich verändert, es bedarf einer Konstruktion eines Gesamtbildes, in den der Partner als Verstorbener integriert werden muss. Sozusagen eine „Neuerfindung“ der eigenen Biografie.

Ich ermuntere meine Klienten, Erinnerungen aus der gemeinsamen Zeit zu erzählen, den positiven und negativen Erinnerungen einen Platz zu geben, den Verlust immer wieder neu zu durchleben um festzustellen, wie sich die Erinnerung und das Gefühl dazu verändern. Große Wirksamkeit zeigt das imaginäre Gespräch mit dem Verstorbenen und der Versuch, eine gute Beziehung zu ihm zu finden, sodass der Verstorbene als abwesende Person in die eigene Lebensgeschichte integriert werden kann. Und schließlich leite ich an, für die Zeit nach dem Verlust eine neue Lebensgeschichte zu finden.

Beim Erzählen verändert sich die Verlusterfahrung

In dieser Beziehung konstruiere ich ein therapeutisches Geflecht aus hypnosystemischer und biografischer Trauerarbeit. Erfahrungsgemäß verändert sich die Verlusterfahrung im biografischen Erzählprozess. Aber entscheidend sind die Resilienzfaktoren des Hinterbliebenen. Ich gehe stimme mit Hilarion Petzold überein, dass Resilienz (psychische und mentale Widerstandsfähigkeit) kein Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern eine „relationale Konstellation aus Person-Umweltbedingungen“[7] sind. Ich unterscheide dabei zwischen protektiven Faktoren, die den Hinterbliebenen in der konkreten Situation beschützen und Ressourcen, die er möglicherweise momentan nicht abrufen kann. Die narrative Erzählung soll brachliegende Fähigkeiten schöpfen. Auffallend ist, dass ältere Klienten überdies aufgrund gehäuft auftretender Verluste über ein spezielles Verlustmanagement verfügen.

Insgesamt scheinen Roland Kachlers hypnosystemische Ansätze und Hilarion Petzolds Instrumentarium der narrativen Erzähltherapie ein probates Mittel zur Unterstützung einer gelingenden Trauerbewältigung zu sein.

Helmut Bundschuh

[1] Roland Kachler: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“, Carl-Auer, Heidelberg Verlag 2014, S.33

[2] Gunther Schmidt: „Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung“, Carl Auer Verlag, Heidelberg,3. Aufl. 2010

[3] Roland Kachler: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“, Carl-Auer, Heidelberg Verlag 2014, S.36

[4] Bowlby J. „Verlust und Trauer und Depression, Fischer Verlag 1983, S. 183

[5] Anja Bednarz: Mit den Toten leben. Über Selbst-Sein und das Sterben eines Anderen, 2005. In „Familiendynamik 30(I), S. 4-22

[6] Anja Bednarz: „Den Tod überleben. Deuten und Handeln im Hinblick auf das Sterben eines Anderen“, Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 191 ff

[7] Resilienz und protektive Faktoren im Alter und ihre Bedeutung für den Social Support und die Psychotherapie bei älteren Menschen, http://www.erzbistumkoeln.de/export/sites/ebkportal/seelsorge_und_glaube/krankheit_und_pflege/.content/.galleries/ethik-medizin-pflege/Vortraege_Seminarunterlagen/2009-12-01-Resilienz_und_protektive_Faktoren_im_Alter.pdf

 

Neue Wege in der Trauerbegleitung

Ein Beitrag von Helmut Bundschuh

Der Psychotherapeut Roland Kachler hat ein neues Konzept zur Trauerbegleitung entwickelt, das es dem Trauerbegleiter erlaubt, aktiv in den Bewältigungsprozess einzugreifen.

Comforting friend. Woman consoling her sad friend.Trauerbegleitung beschränkte sich lange Zeit auf die passive Begleitung, Zuhören, Verständnis, Empathie und Achtsamkeit waren die therapeutischen Hilfsmittel der ersten Wahl. Zwar unterstützt, aber weitgehend selbständig, sollten die Klienten die klassischen Stufen des Trauerprozesses nach Kübler-Ross und Bowlsby durchschreiten. Wie viele Kollegen fühlte auch ich mich unwohl, nicht aktiv eingreifen zu können, wenn es mir sinnvoll und nötig erschien.

Im Kreislauf der Problemtrance

Menschen, die zur Beratung kommen, befinden sich häufig in einer Problemtrance. Ihre Aufmerksamkeit ist ausnahmslos auf das Problem gerichtet, sie sind zunächst im Kreislauf der Trauer gefangen, fühlen sich vom Problem hypnotisiert und verhalten sich auch so. Dieser Vorgang wird vom Betroffenen als unwillkürlich, also kaum beeinflussbar erlebt, Veränderungen im Trauerprozess bleiben häufig unzugänglich.

Einsatz von Distanzierungstechniken

Kachler schlägt vor, durch Distanzierungstechniken die Problemtrance aufzuheben, um in eine Lösungstrance zu kommen. Distanzierungstechniken helfen, das Problem von außen zu betrachten, Klienten erfahren es als nicht mehr allein zu ihnen gehörig. Lösungsmöglichkeiten werden klarer und greifbarer.

Um die „Umfokussierung“ zu unterstützen, werden in der hypno-systemischen Arbeit alle Sinneskanäle aktiviert, viele Techniken stammen aus dem Werkzeugkoffer der integrativen Therapie. Es wird mit Veränderungen der Körperhaltung, mit Visualisierungen, mit inneren Bildern, inneren Teams, mit Metaphern und Symbolen, Aufstellung des Problems im Raum und mit Fokussierungsübungen gearbeitet.

Fazit: Selbstkontrolle durch Selbstmanagement

Durch die Erfahrung von konkreten Unterschieden zwischen Problem- und Lösungszuständen auf allen Sinnesebenen und durch das bewusste Gestalten dieser Zustände beginnt der Trauernde, aktives Selbstmanagement zu betreiben. Man nimmt sich wieder als handelndes Subjekt wahr und gewinnt wieder Kontrolle über sich selbst.