Positive Psychologie

Positive Psychologie in den USA –  eine neue Ära bricht an

Von Helmut Bundschuh

Der amerikanische Psychologe Martin Seligmann fordert, nicht weiterhin das Krankhafte im Menschen zu erforschen und nach den Ursprüngen von Neurosen zu suchen sondern zu fragen, wie es gelingen kann, dass Zuversicht und Lebensmut unseren Alltag beherrschen, dass wir mit Optimismus neue Herausforderungen angehen und nicht Sorgen unseren Lebensmut ersticken? Wie können wir vertrauen, dass unser Leben mehr Positives wie Negatives bereithält?

Das Psychologische Institut an der Universität Zürich zitiert den Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi, der kritisiert, … „dass man sich in der Psychologie hauptsächlich mit der Erforschung pathologischer Aspekte beschäftigt hat und dabei positive Eigenschaften wie Hoffnung, Weisheit, Kreativität oder Mut weitgehend außer Acht gelassen hat“.[1]

In seinem TED Beitrag zeigt Martin Seligman, wie Menschen es machen, Belastungen und Hindernisse zu überwinden, wie sie sich motivieren und woraus sie Kraft schöpfen. Seligman fragt sich: „Was stimmt Menschen fröhlich? Wann glauben sie, zufrieden zu sein? Und warum blicken manchen zuversichtlicher nach vorn als andere?“[2].

Er tritt vehement für die Positive Psychologie ein. Denn anscheinend überwindet jeder Zweite schwere seelische Wunden, ohne tiefere Schäden zu erleiden und ohne die Zuversicht für die Zukunft zu verlieren. Sie verfügen über eine mentale Widerstandskraft, die wir Resilienz nennen. Sie erleben Vernachlässigung in der Kindheit, Gewalt und Missbrauch in der Familie, ohne ein Trauma zu entwickeln und ohne später mit Misstrauen, Feinseligkeit oder Hyperarrousal[3] zu reagieren.

Optimismus und Zuversicht, Pessimismus und Misstrauen spiegeln die jeweilige Persönlichkeitsstruktur eines Menschen. Aber zum Erstaunen von Seligman scheinen weder die Kultur noch die äußeren Lebensverhältnisse im Erwachsenenalter die persönliche Erwartungshaltung entscheidend zu beeinflussen. Wie Zwillingsstudien belegen, sind es genetische Faktoren und jene Zeit, in der unser Gehirn heranwächst: Unsere Kindheit, in der wir Erfahrungen machen, die das künftige Verhalten bis ins Erwachsenenalter prägen. Selbst wenn Zwillinge getrennt aufwachsen, ähneln sich ihre Grundeigenschaften.

Welche Persönlichkeit wir entwickeln, ob wir eher misstrauisch oder feindselig sind oder ob wir aufgeschlossen, zutraulich und kreativ sind, wird uns in die Wiege gelegt. Aber so einfach ist das nicht. Offenbar reagieren unsere Gene auf äußere Ereignisse. Wir wissen, dass sich Traumen in unseren Erbanlagen niederschlagen, über Generationen hinweg. Aber warum sollte sich Zuversicht und Glück nicht auch in den Genen speichern. Kulturelle Einflüsse oder die Lebensumstände im Erwachsenenalter scheinen unsere Persönlichkeit weniger zu beeinflussen als Erziehungsstil und Erlebnisse im Kinderalter. Zwillingsstudien des Neurobiologen Martin Roth an der Universität Bremen und seine Forschungen über emotionale Verhaltenspsychologie [4] deuten darauf hin.

 

Es stellt sich die Frage, was den einen zum Optimisten, den anderen zum Pessimisten macht. Psychologen und Neurologen kommen den Geheimnissen des menschlichen Charakters auf die Spur. Klar wird, dass Erbfaktoren und Erfahrungen in der Kindheit, wenn das Gehirn noch formbar ist, die wichtigste Rolle spielen.

Aber warum erleben Optimisten positive Gedanken, als ob sie bereits geschehen wären? Während sie Gedanken an eine negative Zukunft kalt lassen? Zwei Regionen im Gehirn, die für Emotionen, Angst und Aggression stehend, stehen im Zentrum der Forschung. Das Emotionszentrum Amygdala und eine stirnnahe Region, der anteriore cinguläre Kortex. Diese beiden Regionen werden besonders aktiv, wenn Optimisten an positive Ereignisse und eine positive Zukunft denken. Dieselben Gehirnregionen aber bleiben stumm, wenn den Optimisten negative Gedanken durchdringen. Ähnlich geht es Pessimisten mit negativen Gedanken. Diese sind dann präsent, als würde das Ereignis tatsächlich geschehen.

Dahinter steckt das emotionale Lernen, ein Vorgang in der Kindheit, dessen Erfahrungen sich ein Leben lang reproduzieren. Die Bindungsstruktur zu den Eltern prägt das Leben des Kindes und trägt zu einem vertrauensvollen und positiven Umgang mit Mitmenschen bei. Oder eben zu einem negativen und misstrauischen. Kinder sollen lernen, auf ihre Stärken zu vertrauen und Niederlagen einstecken zu dürfen. Eine warmherzige Familienatmosphäre stärkt Selbstvertrauen und Lebensmut sowie den Forschergeist der Kinder.

[1] http://www.psychologie.uzh.ch/fachrichtungen/perspsy/trainings/zsp/pospsy.html

[2] GEO WISSEN – Die Kraft des positiven Denkens. Nr. 55, S. 26, Gruner+Jahr, 2015

[3] Pathologische Symptome der unkontrollierten Übererregung mit Neigung zu Aggression, erhöhter Reizbarkeit, Schlafstörungen Affektintoleranz

[4] http://www.fu-berlin.de/sites/immafeier/roth/roth_0203.html

Wer an sich glaubt, der gewinnt

Forscherin sucht nach dem Ursprung des Optimismus

Wer an sich glaubt hat höhere Chancen, ein Problem zu lösen. Darauf lassen Ergebnisse der amerikanischen Optimismus-Forscherin Suzanne Segerstrom schließen.

Junge sitzt vor einem halb vollen Glas Ersprtem, Optimisten scheinen mehr Erfolg zu haben als Pessimisten
Ein halb volles oder halb leeres Glas? Optimisten scheinen auf Dauer mehr Erfolg zu haben

Nicht nur die soziale Herkunft entscheidet über Gelingen oder Misslingen, sondern auch Zuversicht und Optimismus, eine Aufgabe bewältigen zu können. Während Pessimisten Lebensveränderungen und Leistungsdruck als belastenden Stress empfinden, erleben Optimisten Herausforderungen als Eustress (=positiver und beflügelnder Stress) und geraten in kreativen „Flow“, jenen Zustand höchster Konzentration, in der sich Optimisten von ihrer Aufgabe kaum ablenken lassen. Diesen Zustand des Flow erleben sie als Rausch und beflügelnden Energieschub.

Wenn wir uns konzentrieren, schalten Teile des Gehirns ab

Bei Untersuchungen an der University of Kentucky stelle die Psychologin und Optimismus-Forscherin Suzanne Segerstrom University of Kentucky fest, dass bei Optimisten Teile der Großhirnrinde, in der unser Bewusstsein entsteht, ausgeschaltet werden, sobald sie sich auf eine Aufgabe konzentrieren. Die Versuchsteilnehmer konnten also ihre Denkaktivitäten auf bestimmte Areale im Gehirn fokussieren, um eine Aufgabe zu lösen. Sie erlebten einen Flow. Bei Versuchspersonen, die den „Flow“ nicht kannten und die sich bei vorangegangenen Tests als eher pessimistisch herausstellten, war die Großhirnrinde großflächig aktiv geblieben, wie es im „Normalzustand“ üblich ist. Sie schienen Konzentrationsschwierigkeiten zu haben.

Früher dachten Neurologen, dass die Hirnschaltkreise im Ruhezustand inaktiv sind. Seit einigen Jahren ist aber bekannt, dass das Gehirn auch beim ruhenden Menschen ein bestimmtes Maß an Hintergrundaktivität aufweist. Dieses Ruhestandardnetz oder Default Mode Network ist den kognitiven Denkprozessen übergeordnet und scheint Denkprozesse ein- bzw. auszuschalten. Sogar wenn wir dösen oder uns in Narkose befinden, „unterhalten“ sich selbst weit entfernte Gehirnareale miteinander. Diese Aktivitäten verbrauchen 20-mal mehr Energie als zum Beispiel die bewusste oder reflexhafte Abwehr einer Fliege.

Unterschiedliches Selbstbild bei Optimisten und Pessimisten entscheidet über Erfolg und Misserfolg

Aber zurück zur Optimismus-Forscherin Segerstrom, sie ist Vertreterin der Positiven Psychotherapie und fand heraus, dass sich Optimisten und Pessimisten in ihrem Selbstbild grundlegend unterscheiden. Pessimisten lassen sich von Misserfolgen paralysieren, geraten ins Grübeln und geringschätzen eigene Erfolge als Zufall. Sie schreiben eigene Erfolge eher äußeren Umständen zu.

Optimisten hingegen sind bereit, aus Niederlagen zu lernen und blicken schnell wieder nach vorne. Sie glauben an den eigenen Erfolg – und wenn er gelingt, schreiben sie diesen ihrem eigenen Geschick und Vermögen zu. Das wirkt wie ein Verstärker.

Die Selbstregulation soll Geist und Körper in Einklang bringen

In ihren Studien versucht Suzanne Segerstrom die Grundparameter der Selbstregulation zu verstehen. Sie vermutet, dass die Selbstregulation Körper, Psyche und mentale Faktoren in Einklang bringt. Gemeint sind die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit, Verhaltensmustern und den kognitiven Steuerungsmöglichkeiten auf die Selbstregulation des Körpers. Die Psychologin vermutet, dass mentale Eigenschaften wie Optimismus, Reaktionen des Immunsystems, koronare Herzerkrankungen, das Metabolischen Syndrom (Adipositas, Diabetes, Hypertonie und Blutfette) und den Hormonhaushalt.[1]

Fazit: Psychologen und Neurologen vermuten, dass Optimismus und positive Lebenseinstellung nicht nur die psychische Befindlichkeit, die Verhaltensweisen und persönliche Grundeinstellungen beeinflussen, sondern auf somatischer Ebene Einfluss auf unsere organische Gesundheit haben.

[1] Segerstrom, S.C., Miller, G.E. (2004). Psychological stress and the human immune system: A meta-analytic study of 30 years of inquiry. Psychological Bulletin, 104, 601-630.