Erzähl dein Leben

Wie die persönliche Lebensgeschichte unsere Identität formt

Erinnern und erzählen gehen Hand in Hand. Nicht nur zu besonderen Anlässen, auch im Alltag erinnern sich Menschen an Vergangenes. Erzählende beschreiben oft, was sie gefühlt und gedacht haben und fügen den Ereignissen eine weitere Kategorie hinzu.

Eine ältere Frau schreibt Tagebuch und stellt fest, wie sich Erinnerungen verändern
In der Kindheit abgespeicherte Erinnerungen verblassen oft im Erwachsenenalter und bahnen sich im Alter wieder einen Zugang ins Bewusstsein

Meistens beginnt die Erinnerung irgendwann ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr. 2012 zeigte die Psychologin Patricia Bauer von der Emory University in Atlanta, dass „Kleinkinder Erlebtes schlecht abspeichern und auch leicht wieder vergessen. Diese frühkindliche Amnesie betrifft in der Regel die ersten drei bis vier Jahre“.[1] Die frühesten Schilderungen stammen meist aus Erzählungen anderer Familienmitglieder, die persönlich eingefärbt sein können und sich wie Legenden im Lauf der Zeit auch verändern können. Elizabeth Loftus von der University of California stellte fest, dass die frühe Rückschau von Menschen oft falsch ist. „… die Rückschau dient eben nicht nur dazu, Fakten wiederzugeben, sondern vor allem die eigene Identität darzustellen.“[2]

Unsere Erzählungen sind ein Spiegelbild unserer Identität

Wenn wir von früher erzählen, geben wir immer auch preis, wer wir sind. Ein und dieselbe Geschichte, in gewissem Zeitabstand erzählt, kann durch aktuelle Geschehnisse, Gefühle und Gedanken völlig unterschiedlich klingen. Diese Fähigkeit, eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen, erlernen wir schon früh. Kleine Kinder bemerken, dass Eltern und Geschwister dieselbe Geschichte anders erzählen, dass zwar Ort und Zeit übereinstimmen, dass aber subjektive Gefühle und Bewertungen unterschiedlich sind.

Dabei erleben sie, dass vergangene Ereignisse wieder ganz lebendig werden können und dass diese im Rückblick neu bewertet und verstanden werden können. Mit der Zeit entstehen so „Rückblicke“ auf Lebensphasen.

Die „Mainlife“ Studie zeigt, wie sich Geschichten verändern

In der Langzeitstudie „Mainlife“ an der Goethe Universität in Frankfurt am Main untersuchen sie Psychologen Christin Köber und Tilmann Habermas seit 2003, wie solche Lebensgeschichten entstehen und wie sie sich mit der Zeit verändern.[3] Im Abstand von 4 Jahren erzählten 172 Studienteilnehmen zwischen 8 und 69 Jahren Erinnerungen aus ihrem Leben. Beobachtet wurde, ob die Probanden die Ereignisse im Lauf der Zeit chronologisch veränderten und ob sie beim Leben im Rückblick Vergangenes mit der Gegenwart verglichen.

Geachtet wurde außerdem auf die „kausalmotivationale Kohärenz[2]. Weil wir reflektieren, ob bestimmte Ereignisse unsere Persönlichkeit geformt haben, gelingt es, trotz ständiger Veränderungen eine stabile Identität herzustellen.

Mit 12 Jahren beginnen wir, das Leben zu betrachten

Zwölfjährigen gelingt es immer besser, chronologisch und nachvollziehbar über ihr Leben zu berichten, mit sechzehn gelingt es, autobiografische Zusammenhänge der eigenen Persönlichkeit mit äußeren Ereignissen in Zusammenhang zu bringen.

Je älter Probanden waren, desto weniger neigten sie dazu ihre Persönlichkeit infrage zu stellen sondern konzentrierten sich auf wesentliche Kerneigenschaften ihrer Persönlichkeit. Sie neigten dann eher dazu, nur bei Bedarf einzelne Charaktereigenschaften oder Wesenszüge zu verändern.

 

[1] Christin Köber und Tilmann Habermas in Gehirn und Geist; Nr. 1/2016, S. 28

[2] ebenda

[3] Christin Köber und Tilmann Habermas in Gehirn und Geist; Nr. 1/2016, S. 29

[4] Die Fähigkeit Punkte im Leben zu benennen, an denen entscheidende Veränderungen stattgefunden haben, diese mit der eigenen Person und anderen Ereignissen in Beziehung zu setzen.

 

 

Kriegskinder

Wie gehen Angehörige mit den Qualen Trauma geschädigter Partner und Eltern um?

Jeder Krieg hinterlässt Kinder mit gefrorenen– eine Generation, die im Krieg geboren und aufgewachsen ist, oft nicht selbst beteiligt – aber dazu verurteilt war, alles sehen zu müssen und mitzuerleben.

Das betraf die Generation unserer Eltern und Großeltern genauso wie heute Emigranten aus dem Nahen Osten. Doch wer einen solchen Menschen zu seinem Partner macht, erkennt nicht sofort die traumatischen Belastungen, die eine Beziehung zum Scheitern verurteilen können. Und die Kinder? Haben sie eine Chance, den Re-Traumatisierungen des Vaters oder der Mutter zu entgehen? Sie sind die Benachteiligten. Als Angehörige werden sie oft übersehen und entwickeln dieselben Ängste wie ihre Partner oder Eltern.

Ein innerer Kriegalte Fotos betrachten

Das Kriegsende am 8. Mai vor 70 Jahren war der Tag einer neuen Freiheit, doch für die traumatisierten Kriegskinder, die Tod, Hunger und Entwurzelung gesehen haben, war es der Beginn eines inneren Krieges. Sie leiden unter einer Posttraumatischen Belastungsreaktion, wie wir sie von aus Afghanistan zurückkehrenden Soldaten kennen. Grausame Erinnerungen drängen sich auf und kehren immer wieder zurück, doch die Kriegskinder sprechen nicht darüber. Partner und Kinder sind den oft gewalttätigen Gefühlsausbrüchen hilflos ausgeliefert.

Angst ist der Preis des Wohlstandes

Ich habe mich oft gefragt, warum die Ängste seiner Eltern, die den 2. Weltkrieg erlebten, wie ein Tuch des Schweigens über ihm lagen, sagt: „Wir tragen die Schäden unserer Vorfahren von Generation zu Generation weiter. Der Fleiß unserer Eltern hat uns Wohlstand gebracht, trotzdem sind wir mit unserem Leben unzufrieden. Anscheinend gibt es Werte, die uns nicht vermittelt wurden.“ Eines von vier Kriegskindern zeigt sich in seiner Lebensqualität eingeschränkt, sie leiden an Angstzuständen, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden, Herzrasen oder chronischen Schmerzen, wie der Münchner Psychiater Michael Ermann in einer Studie herausfand.

Familienbiografie für Senioren und Angehörige

Im Alter tut es gut, sein Leben noch einmal zu begehen. Die Kinderlieder, die Schulgedichte und die erste große Leidenschaft sind wie Fußspuren ins Heute. Erinnerungen an Namen und Gesichter verblassen, die Gefühle bleiben. Das Unterbewusste gibt sie nicht her. Viele Ältere machen die Erfahrung, dass bestimmte Erinnerungen ein Leben lang unauffällig waren, wie Einmachgläser im Keller. Doch dann werden Bilder aus der Vergangenheit wieder wach. Alte Menschen berichten, dass sie sich mit ihren Erinnerungen in einem Raum des Vergessens erleben. Aber jemandem zu zeigen, wo man Fußspuren in der Geschichte hinterlassen hat, würde Erleichterung schaffen.

Und die Familie? Häufig hat sich unausgesprochenes Leid auf die Kinder übertragen. Sie erleben Brüche, die sich wie ein roter Faden durch ihr Leben ziehen. Ihnen wurde materielle Sicherheit geboten, Wärme und Nähe haben sie aber nicht bekommen. Sie wurden nach Maßstäben erzogen, die sie nicht verstehen. Und jetzt werden sie selbst bald alt.

Die Aufgabe des Therapeuten oder Coaches ist, mit der Familie die Räume des Vergessens noch einmal zu begehen, um zu verstehen, weshalb die Geschichte der Eltern so verlaufen musste. Vielleicht lässt sich eine Blockade in der Leidensgeschichte der Familie durchbrechen?

http://www.psychotherapie-heilzentrum-bogenhausen.de/index.php/biographie-coaching/biographie-coaching

Was ist Biografiearbeit

Biografie-Beratung, auch Biografie-Arbeit genannt, ist eine allgemeine Lebensberatung für Menschen im Umbruch. Oft unterliegen berufliche und private Veränderungen sich wiederholenden Mustern, die nicht immer erkannt werden. Veränderungen sind Phasen des Übergangs, die eine Neuorientierung erfordern. Bei Kindern und Jugendlichen, bei Erwachsenen genauso wie bei älteren Menschen. Die systematische Betrachtung des Lebens dient der Bewältigung von Lebenskrisen oder eines Krankheitsschicksals.

Durch die Vergegenwärtigung der früheren Lebenssituation können Ereignisse, die unser Leben geprägt haben, wieder ins Bewusstsein gerufen werden. Biografie-Arbeit nutzt die Aktualisierung früherer Erfahrungen, um uns besser zu verstehen und Veränderungen einzuleiten. In Gruppenarbeit sollen wir Toleranz und Verständnis für andere Lebensgeschichten entwickeln.

Biografie-Arbeit ist in der Regel keine Therapie. Nicht immer ist eine scharfe Abgrenzung möglich. Therapie versucht, eindeutig umgrenzte Störungen, die Leidensdruck verursachen, zu beseitigen. Biografiearbeit hingegen gleicht dem Prozess der Selbsterfahrung.

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