Schmerzen, ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren

Ein Beitrag von Dr. Alexandra Katinka Mayer

„Schmerz ist der Schrei des Körpers nach bewegter Energie = BewusstSein = dem freien Fließen von Qi“. Dies ist das energetische Verständnis über den menschlichen Körper, aus Sicht der chinesischen Medizin. Kurz erklärt: die chinesische Medizin besteht aus drei Säulen: Körperenergie, Ernährungsenergie und Lebensenergie aus Bewegung und Atmung. Liegt eine dieser Säulen im Ungleichgewicht, kann die Energie in uns nicht fließen. „Schmerz ist der Schrei des Körpers nach BewusstSEIN“ Ein aufweckender Satz, welcher, wenn man ihn genauer betrachtet, sich aber aufschließt und zum Ausdruck bringt, dass Schmerz uns die Lebensenergie / -freude „raubt“ oder blockiert.

Was versteht man / sie / wir unter Schmerz? Sind sie normal – ja oder nein? Eigentlich sind Schmerzen normal… Uns viele Dinge weh – schließlich kann das Leben schmerzhaft sein. Schmerzen sind dem Menschen ebenso geläufig wie Hunger oder Durst, Hitze oder Kälte. So wie Riechen, Schmecken, Hören und Sehen ist die Empfindung von Schmerz ein Bestandteil unseres Sinnessystems, mit dem wir unsere Umwelt und uns selbst wahrnehmen. Der Schmerz gehört zu den eindrücklichsten und häufigsten Erfahrungen eines Menschen. Schmerz ist überlebenswichtig – trotz allen Leides, das er bewirken kann. Er meldet, wie eine Alarmglocke funktionierend, wenn im Körper etwas nicht stimmt, beispielsweise eine Verletzung oder eine Erkrankung.

Die Schmerzforschung zeigt, dass ein schmerzhafter Reiz, z.B. durch eine Verletzung der Hand, zur Entstehung elektrischer Impulse führt. Diese elektrischen Impulse werden über besondere Nervenfasern, ähnlich einem Stromkabel, den Arm oder Bein entlang zum Rückenmark weitergeleitet. Dort werden die Impulse an eine weitere, auf die Wahrnehmung von Schmerz spezialisierte Nervenzelle umgeschaltet. Über eine weitere Schaltstelle, oberhalb des Hirnstamms, werden die Schmerzsignale schließlich an verschiedene Gehirnzentren weiterversendet, die für eine verteilte Wahrnehmung verantwortlich sind. Dies bedeutet, dass es im Gehirn kein einzelnes Schmerzzentrum gibt.

Wir wissen alle, dass Schmerz eine viel komplexere Erfahrung ist. Das Wort „Schmerz“ wird auch im Zusammenhang mit Trauer, Einsamkeit und Entfremdung verwendet.

Ein weiteres zentrales Thema in Zusammenhang mit Schmerz ist auch Angst. Wie kommt es, dass der Schmerz über eine verlorene Liebe genauso schwer zu ertragen ist wie z.B. ein akuter Rückenschmerz? Es spielen bei allen Schmerzempfindungen Gedanken und Gefühle eine tragende Rolle.

Schmerz aber ist ein Schadensmelder und daher ist er regelhaft mit negativen Gefühlen verbunden, damit wir ihn ausreichend beachten und möglichst schnell lernen, wann es für uns gefährlich wird. „schau her – schau hin – schau mich an.“ Salopp gesagt würden wir ohne Schmerzen nicht alt werden oder gar lange leben.

Wie intensiv wir einen Schmerzreiz empfinden, ob er uns in Angst und Panik versetzt, hängt nicht nur vom reinen Nervensignal ab, sondern ist ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren, zu denen auch unsere familiären und kulturellen Erfahrungen im Umgang mit Schmerz zählen. Deshalb wird auch von einem „bio-psycho-sozialen Schmerz“ gesprochen, den jeder Mensch anders empfindet. (Hier haben wir auch ein drei-Säulen Modell: Körper – Geist/Seele – Umwelt)

Um Schmerzen wirklich zu verstehen – vor allem Schmerzen, die anhalten, sich ausbreiten oder unberechenbar zu sein scheinen – muss/ sollte man sich das Gehirn genauer anschauen.

Sie haben bereits gehört, dass Schmerzen uns in der Regel darauf aufmerksam machen, wenn oder dass irgendwo im Körper etwas nicht stimmt: Sie zeigen uns, also wo Reizungen, Wunden oder Entzündungen entstanden sind und ob sie sich möglicherweise ausbreiten. Dieser Schmerz ist ein Helfer und kein Gegner. Solche akuten Schmerzen empfinden wir zum Beispiel bei Zahnweh, Prellungen, Schnittverletzungen, Sonnenbrand oder Muskelverspannungen. Akute Schmerzen üben eine Warnfunktion für unseren Körper aus, um Gewebeschäden zu vermeiden. In der Regel klingen solche akut auftretenden Schmerzen von selbst ab, sobald die auslösende Ursache geheilt und beseitigt worden ist.

Wenn Schmerzen fortbestehen und sich verselbstständigen, verliert der Schmerz seine Warnfunktion und es kommt zur Entstehung einer Schmerzerkrankung, die über Monate und Jahre hinweg andauern kann. Dass Schmerzen anhalten oder häufig wiederkehren hat bestimmte Ursachen: Zum Beispiel ist eine Vielzahl von chronischen Erkrankungen ist mit Schmerzen für die Betroffenen verbunden, wie z.B. Rheuma, Diabetes oder Tumorerkrankungen. Anderseits kann Schmerz selbst zu einer Erkrankung werden, auch wenn eine körperliche Ursache nicht oder nicht mehr vorhanden ist, und hat damit seine biologisch sinnvolle Funktion verloren. Weiterhin gibt es auch den sogenannten Seelenschmerz, der, wie Sigmund Freud sagte, seinen Weg in den Körper gefunden hat (psychosomatische Schmerzen).

Der Chronische Schmerz wird heute als eine eigenständige Krankheit betrachtet.

Für die Festlegung, ob es sich um einen chronischen Schmerz handelt, werden Zeiträume von drei oder auch sechs Monaten Schmerzdauer genannt.

Für Patienten und ihre Angehörigen kann es besonders belastend sein, wenn dabei keine körperliche Ursache für das lange Andauern der Schmerzen gefunden wird.

Welche Ursachen kommen für chronische Schmerzen in Frage? Starke und länger andauernde Schmerzreize aus den Geweben (Organe, Gelenke, Muskel) des Körpers können die weiterleitenden Nervenzellen von Rückenmark und Gehirn empfindlicher für nachfolge Schmerzreize machen. Die Folge kann z.B. sein, dass selbst leichte Reize wie eine leichte Berührung, mäßige Hitze oder Druck plötzlich als starker Schmerz empfunden werden. Hier kann sich die Empfindlichkeit des Schmerzsystems soweit „aufschaukeln“, dass sich eine meist über das Rückenmark („Tor des Schmerzes“) vermittelte Schmerz-Überempfindlichkeit entwickelt. Unter Umständen senden diese überempfindlich gewordenen Nervenzellen auch dann Schmersignale vom Rückenmark an das Gehirn, wenn aus den entfernt gelegenen Geweben (Organe, Gelenke, Muskel) keine Schmerzsignale mehr im Rückenmark eintreffen.

Was als akuter Schmerz begonnen hat, kann sich auf diese Weise als chronischer Schmerz entwickeln. Diese Empfindlichkeitssteigerung findet nicht nur in den weiterleitenden Nervenzellen der Gewebe des Körpers (Organe, Gelenke, Muskel) statt, sondern auch im Rückenmark sowie auch im Gehirn. Das sogenannte Einprägen von akuten Reizen, welche auch dann bestehen bleiben, wenn die eigentliche Schmerzursache bereits beseitigt worden ist, führt zur Verfestigung einer gesteigerten Schmerzempfindlichkeit. Diesen Lernvorgang nennt man gesagt „Schmerzgedächtnis“.

Wenn Sie anhaltende Schmerzen haben, die Ihr ganzes Leben zur ruinieren scheinen, fällt es Ihnen vielleicht schwer sich vorzustellen, dass Schmerzen jemals irgendeinen sinnvollen Zweck erfüllen könnten. Selbst schlimme chronische Schmerzen sind aber nur deshalb vorhanden, weil das Gehirn entschieden hat, dass Sie bedroht werden oder in Gefahr sind – das Problem ist, herauszufinden, warum das Gehirn zu dieser Schlussfolgerung gekommen ist. (Dies ist Aufgabe und Thema der Schmerzforschung)

Chronischer Schmerz ist und bleibt eine Herausforderung – für den Patienten und für seine Behandler – gerade weil Schmerzen oft nicht vollständig gelindert werden können. Das gemeinsame Ziel liegt am Ende eines gemeinsamen Weges: mit dem Schmerz lebenswert leben und nicht gegen ihn. So wie Goethe schon sagte: „Unter Gesundheit verstehe ich nicht Freisein von Beeinträchtigungen, sondern die Kraft mit ihnen zu leben.“