Ist Zeitwahrnehmung eine Illusion?

Der Takt unseres Gehirns stimmt nicht immer mit dem Takt der Zeit überein

Eines der großen Geheimnisse unserer Wahrnehmung ist die Zeit, besonders im Alter. Die Zeit schneller zu vergehen, doch wir haben keine Erklärung dafür.

Ist die Zeitwahrnehmung eine Illusion? Unser Gehirn kann nur neue Erfahrungen neu vernetzen
Vielen älteren Menschen erscheint es so, als würde die Zeit schneller vergehen. Aber ds ist eine Wahrnehmungstäuschung.

In meiner Praxis arbeite ich häufig mit älteren Menschen. Die meisten wundern sich, dass die Uhr im Alter schneller tickt, und niemand kann etwas dagegen tun. Ich frage mich: Ist es eine trügerische Wahrnehmung oder gibt es neurologische Erklärungen dafür.

Kurze Zeitspannen vergehen langsam

Schon 2005 beschäftigten sich die Psychologen Sandra Lehnhoff und Marc Wittmann von der Ludwig-Maximilian Universität in München mit diesem Phänomen. Sie befragten in ihrer Studie „Die Wahrnehmung der Zeit und ihre Wirkung auf das Alter“ 500 Teilnehmer im Alter von 14 bis 94 Jahre, wie schnell subjektiv die Zeit vergehe. Für kürzere Zeiträume von einer Woche bis zu einem Jahr antworteten Alt wie Jung mit „sehr langsam“.

Sollten die Teilnehmer aber auf ihr Leben zurückblicken, verlief das Leben bei über 40 jährigen immer schneller. Wir erleben die Zeit offenbar sehr unterschiedlich und manchmal auch paradox. Bei einer interessanten Tätigkeit vergeht die Zeit wie im Flug, später erinnern wir uns aber im Detail daran, während in Phasen der Langeweile die Zeit nicht vergehen will, in der Erinnerung die Zeit aber wie im Fluge verging.

Die Anzahl der Ereignisse bestimmt unser Zeitgefühl

Neurologen sagen: Sollen wir beurteilen, wie schnell die Zeit vergeht, beurteilen wir das anhand der Anzahl der Ereignisse, an die wir uns erinnern bzw. wie viele neue Ereignisse wir abgespeichert haben. In der Kindheit und Jugend machen wir die meisten neuen Erfahrungen. Je älter wir werden, desto mehr Routine tritt auf die Ereignisse werden nicht neu abgespeichert, sondern im schon vorhandenen Erfahrungsspeicher gebunkert. Im autobiografischen Gedächtnis entsteht allerdings eine Zeitlücke, die wir nicht verorten können. Die Ereignisse werden jenen Neuronen zugeordnet, die ein ähnliches Ereignis vielleicht schon in der Jugend abgespeichert haben.

Neue Erfahrungen verkürzen das Zeitgefühl

Weil wir bereits bekannte Erfahrungen nicht wieder neu abspeichern, sondern auf alte „Erinnerungen“ zurückgreifen, nehmen wir die Zeit, in der wir viel gelernt haben, als dicht und mit Ereignissen vollgestopft vor. Wer im Alter lernt und neue Erfahrungen macht, wird das Gefühl haben, dass die Zeit in dieser Phase wieder langsam vergeht. Haben wir uns als Kinder also gelangweilt, weil die Zeit nicht verging, langweilt sich jetzt unser Gehirn, weil es keine neuen Eindrücke und Lerninhalte bekommt.

Helmut Bundschuh

Ist die Ausbildung von Psychotherapeuten zu sehr auf fachliches Wissen reduziert?

Empathie Fähigkeitkeit des Therapeuten ist wichtig

Die Universitätsausbildung von Psychotherapeuten ist möglicherweise zu sehr auf fachliche Methodik ausgelegt, darauf weisen Forscher der Harvard Medical School in einer Untersuchung unter Studenten hin.

Im Kosovokrieg stellte sich heraus, dass es traumatisierten Menschen hilft, wenn sie über das Erlebte sprechen können
Zuhören hilft. Selbst wenn therapeutisch nicht ausgebildete Personen zuhören, kann das bei Klienten therapeutische Wirkung haben

Die Universitäten versuchen, ihren Studenten eine bestmögliche fachliche Ausbildung zu ermöglichen, damit sie als Therapeuten einen gefüllten Handwerkskoffer zur Verfügung haben. Amerikanische Psychologen von der Ohio University in Athens und der Harvard Medical School in Boston beklagen jetzt, dass das Studium zu sehr auf die fachliche Ausbildung ausgerichtet ist und die sozialen und Beziehungskompetenzen der Studenten vernachlässigt werden.

Das Gespräch als erste Krisenintervention

Schon Hilarion Petzold beobachtete während seines Einsatzes als Krisentherapeut während des Kosovokrieges, dass schon ein einfühlsames Gespräch mit traumatisierten Opfern Linderung verschaffte. Einfühlsames Zuhören und empathische Zuwendung auch von nicht psychotherapeutisch ausgebildeten Helfern war zur ersten Krisenintervention geeignet. Psychologen in an der Harvard Medical School fragten sich nun, ob die Fähigkeit zwischenmenschliche Beziehungen und Vertrauen aufzubauen mindestens genauso wichtig ist wie vollgepackter Methodenkoffer. Welchen Stellenwert hat eine berufliche Qualifikation in der Therapie, wenn der Therapeut nicht Empathie fähig ist?

Fachfremde Therapeuten erfolgreicher als Psychologiestudenten

Dafür suchten die Forscher von 2713 Bachelorstudenten 65 aus, die als Klienten geeignet waren. Sie litten an unterschiedlichen Formen von Ängsten, Depressionen und Anpassungsstörungen. 23 ausgewählte Doktorandinnen und Doktoranden durften nun Therapeut spielen.

Aber nur ein Teil der „Therapeuten“ studierte Psychologie, ein anderer Teil promovierte in naturwissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Fakultäten, war also fachfremd. Die Studenten wurden auf ihre Sprachfertigkeit und ihr Kommunikationsverhalten untersucht und durften dann je sieben Sitzungen mit ihren „Klienten“ durchführen. Die Forscher beobachteten die Sitzungen und protokollierten am Schluss der Sitzung, wie schwer die Klienten ihre eigene Erkrankung einschätzten.

Empathie genauso wichtig wie Fachwissen

Die Studie kam zu einem erstaunlichen Fazit: Zwar berichteten alle Klienten, dass es ihnen nach den sieben Sitzungen besser ging als davor. Am besten schnitten aber jene Doktoranden ab, die über große soziale und zwischenmenschliche Kompetenzen verfügten, und sich in ihre Klienten einfühlen konnten. Und die meisten von ihnen waren gar keine Psychologiestudenten. Die Klienten fühlten sich bei empathischen „Therapeuten“ weniger gestresst als bei „Therapeuten“, die zwar über ein besseres Fachwissen verfügten, sich aber nicht einfühlen konnten. Fachwissen schien also weniger wichtig zu sein als Einfühlungsvermögen.

Fazit: Die Forscher der Ohio University und der Harvard Medical School beklagen, dass die Therapeutenausbildung zu sehr auf Fachwissen aufgebaut. „Die Befunde stützen die Hypothese, dass die allgemeinen Beziehungsfähigkeiten der Therapeuten einen unabhängigen Beitrag zur therapeutischen Beziehung und dem Therapieergebnis leisten“.

Helmut Bundschuh

Gesprächstherapie

Die 10 Lernprinzipien nach Carl Rogers

Ein Beitrag von Helmut Bundschuh

Klientenzentrierte Gesprächstherapie ist aus dem Werkzeugkasten heutiger Psychotherapeuten nicht mehr wegzudenken. Dabei hat sie sich durch einen Zufall entwickelt.

Assistenzzeit in einer New Yorker Erziehungsberatungsstelle

Psychotherapie - Die Selbsthilfegruppe rot schwarzWährend seiner Assistenzzeit in einer New Yorker Erziehungsberatungsstelle kam der amerikanische Psychologe Carl Rogers immer mehr von der „direktiven Psychotherapie“ nach Freud ab und stellte fest, „dass der Klient derjenige ist, der weiß, wo der Schuh drückt, welche Richtung einzuschlagen [ist], welche Probleme entscheidend, welche Erfahrungen tief begraben gewesen sind“.[1] Er beobachtete, wie Sozialarbeiter die eigenen Möglichkeiten der Kinder zur Problembewältigung nutzten und schrieb ein Buch über klientenzentrierte Therapie. In der Folge entwickelte sich daraus die Klientenzentrierte Gesprächstherapie.

Die zehn Lernprinzipien

Die zehn Lernprinzipen von Rogers sind aus der Gesprächstherapie nicht mehr wegzudenken. Sie lauten:
1. Menschliche Wesen haben die natürliche Gabe zu Lernen.
2. Lernen findet dann statt, wenn der Schüler den Lerninhalt selbst für wichtig hält, er ein Ziel vor Augen hat und er den Lerninhalt zum Erreichen des Zieles für wichtig hält.
3. Abgelehnt werden Lerninhalte, wenn der Lernende den Inhalt für sich und seine Entwicklung für bedrohlich hält.
4. Eine leichtere Wahrnehumung von Lerninhalten findet statt, wenn es keine äußeren Bedrohungen gibt.
5. Wenn es wenig Gefahren für das eigene Selbst gibt, können Erfahrungen in unterschiedlichen Facetten wahrgenommen werden und der Lernprozess kann voranschreiten.
6. Lerninhalte werden leichter verankert, wenn sie durch unterstützende Handlungen angeeignet wurden.
7. Die Selbstverantwortlichkeit des Schülers fördert und erleichtert einen Lernprozess. Das heißt auch, dass ein Schüler die Freiheit zur Selbsterantwortlichkeit hat.
8. Die durchdringendsten und nachhaltigsten Lernerfahrungen werden erzielt, wenn das Lernen die Person als Ganzes erfordert, also sowohl Emotionen als auch Intellekt.
9. Unabhängigkeit, Kreativität, und Selbstvertrauen werden dann gefördert, wenn Selbstkritik und Selbsteinschätzung wichtiger eingeschätzt werden als die Beurteilung durch andere.
10. Den größten sozialen Nutzen erbringt das Erlernen von Lernprozessen, wenn der Schüler dadurch eine Offenheit für Veränderungen erfährt und diese in das eigene Selbstbild integriert.
[1] Carl Rogers: Entwicklung der Persönlichkeit – Psychotherapie aus der Sicht eines Therapeuten, 1996, S. 27f.