Süßholzraspel gegen Diabetes

Sieben Millionen Deutsche sind Diabetiker, es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen, denn Diabetes schleicht sich ein und es dauert oft lange, bis sie bemerkt wird. Die überwiegende Zahl der Erkrankten sind Typ 2 Diabetiker, jeder 20. Diabetiker leidet unter Diabetes Typ 1.

Diabetes Typ 1 ist eine angeborene Autoimmunerkrankung, bei der  die Inselzellen zerstört werden, sodass kein Insulin mehr produziert wird. Diabetes Typ 2 ist eine Erkrankung mit zunächst sehr unterschiedlichem Profil, bei der die Wirkung des Insulins nachlässt und Resistenzen entstehen, bis die Bauchspeicheldrüse versagt.

Zwei Krankheiten mit demselben Krankheitsbild

Oft gehen koronare Herzerkrankungen und Diabetes nebeneinander einher. Besonders  Übergewicht, hoher Blutdruck und Entgleisungen des Fettstoffwechsels, besonders der Triglyceride, fördern Diabetes. Die Folge können Vorhofflimmern und Herzrhythmusstörungen, Herzschwäche und Atemnot sein. Gelegentlich stellen sich Symptome von Depression ein.

Dieses sogenannte metabolische Syndrom kommt auch bei Herzpatienten vor. Häufig wird beobachtet, dass Herzerkrankungen Diabetes auslösen. Ein Grund ist metabolischen Syndroms, das auf beide Krankheitsbilder zutrifft. Zudem stehen ausgerechnet jene Medikamente, die den Blutfettspiegel kontrollieren sollen in Verdacht, Diabetes auszulösen. Ein Dilemma für den Patienten, denn momentan sind die verdächtigten Statine das wichtigste Medikament zur Kontrolle des Cholesterins.

Ein natürlicher Wirkstoff ersetzt Insulin

Ein neuer Forschungsansatz untersucht die Wirkung von Amorfrutin, der als natürlicher Wirkstoff in der Süßholzwurzel vorkommt. Normalerweise produziert die Bauchspeicheldrüse das Hormon Insulin, das den Zucker aus dem Blut in die Zelle schleusen soll. Bei Diabetikern reagieren die Zellen aufgrund einer Resistenz nicht mehr auf Insulin, die Bauchspeicheldrüse stellt in der Folge die Produktion von Insulin ein. Amorfrutin heftet sich an körpereigenes Eiweiß und sorgt dafür, dass Zucker wieder in die Zellen eingeschleust wird. Im Grunde dasselbe Verfahren, wie Insulin Zucker in die Zellen schleust. Der Wissenschaft ist das Verfahren schon lange bekannt.

Das alte Sprichwort „Süßholz raspeln“ könnte für Diabetiker eine ungeahnte Bedeutung bekommen. Zwei Teelöffel Süßholzraspel aufgießen und 15 Minuten ziehen lassen könnte für Diabetiker  bedeutend werden. Zumindest experimentieren Forscher des Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin mit Amorfrutin aus Süßholzraspel und sind begeistert.

Süßholz raspeln alleine hilft noch nicht

„Zwar gibt es auf dem Markt bereits Medikamente(…), diese wirken aber nicht selektiv genug und verursachen Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme oder Herz-Kreislauf-Probleme“, sagt Sascha Sauer. Die Amorfrutine sind dagegen den bisherigen Studien zufolge ausgesprochen gut verträglich. „Es nützt aber nichts, bei Diabetes Süßholztee zu trinken oder Lakritze zu essen“, erklärt der Wissenschaftler. „Denn im Tee oder in der Lakritze liegen die Stoffe in einer viel zu geringen Konzentration vor, als dass sie wirken könnten“.

Woher kommt Empathie

Mehr Kopf oder mehr Bauch?

Empathie gilt als der große Schraubenzieher im Werkzeugkoffer der Psychotherapie. Wollen wir uns in eine andere Person hineinversetzen, so vertrauen wir auf unser Bauchgefühl – die Intuition. Das dachten wir, offenbar ist es aber falsch. Denn wer Informationen sorgsam abwägt, kann sich besser in andere hineinversetzen.

Empathie gilt essenziell für die Psychotherapie, versuchen Sie dieses Ehepaar zu verstehen
Empathie wird in unserem Kulturkreis dem Bauchgefühl zugeschrieben. Neueste Studien zeigen aber: Wer sein Gegenüber analytisch versteht, kann sich besser hineinversetzen.

Fragt man Menschen, worauf sie setzen würden, wenn man sich in jemanden einfühlen wolle, auf das Denken oder auf Empfindungen, so wählen fast alle Empfindungen. Genau das taten auch die Probanden verschiedener Studien, die herausfinden wollten, wie Empathie entsteht. Jennifer Lerner ließ in einer Studie der Harvard University die Probanden Bewerbungsgespräche durchführen, wobei der Zufall entschied, wer Bewerber war und wer Chef. Anschließend mussten die Studienteilnehmer einen Fragebogen ausfüllen und beurteilen, wie sie sich selbst und wie sich ihr Gegenüber gefühlt hat. Dabei waren auch Fragen, die klären sollten wer sich dabei auf analytisches Denken und wer sich auf Emotionen verließ.

Knifflige Fragen bringen es an den Tag

Wie man so etwas herausfindet? Durch knifflige Fragen. Versuchen Sie einmal diese Frage zu beantworten: Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1.10 €. Der Schläger kostet 1 € mehr als der Ball. Wieviel kostet der Ball? Haben Sie es herausbekommen? Wer sich auf seine Intuition verlässt wird wahrscheinlich sagen: Der Ball kostet 10 Cent. Wer analytisch denkt, wird ein wenig knobeln bis er auf das Ergebnis kommt, nämlich 5 Cent.

Wer 10 Cent sagte, konnte auf dem Fragebogen der Studie die Emotionen seines Gegenübers schlechter einschätzen. Offenbar ist unsere Empathie davon beeinflusst, ob wir auch verstehen, womit sich der Andere beschäftigt.

Helmut Bundschuh

Über Scham und Verletzlichkeit

Ein evolutionär überholtes Gefühl blockiert uns

Die deutschstämmige Amerikanerin Brené Brown ist eigentlich Sozialwissenschaftlerin, ihre Studien über die psychischen Grundbedürfnisse des Menschen, Liebe, Zugehörigkeit, verlässliche Beziehungen und Einfühlungsvermögen machen ihre Aussagen auch für die Psychologie interessant. 13 Jahre lang sammelte sie Daten über Schamgefühl und Verletzlichkeit.

Brené Brown bezeichnet sich selbst als introvertiert und verletzlich, umso mehr war sie verwundert, dass bei ihren Umfragen viele Menschen Verletzlichkeit mit Schwäche verwechselten und ihre Sensibilität versteckten. Sie plädiert dafür, Verletzlichkeit offen zu leben, denn ohne sie gäbe es keine Intimität, keine Liebe und kein Vertrauen. Das sind jene Situationen im Leben, in denen man leicht ausnutzbar ist.

Scham betten wir nicht in Worte

Es gehört Mut dazu, seine Ängste und Träume offen zu zeigen, weil sie häufig gegen einen verwendet werden können. Scham hingegen ist ein Gefühl, das selten in Worte gefasst wird, weil es nicht aus der Kognition kommt, sondern aus der Emotion. Der beste Weg aus dem Sumpf der Scham herauszukommen ist, über Gefühle zu reden, sagt Brené Brown. Je geringer das Selbstwertgefühl, desto größer die Scham. Die meisten Psychologen sehen in der Scham keinen evolutionären Wert mehr.

Weil wir die Kontrolle über uns behalten wollen, spielen wir Rollen. Mal sind wir der Coole, mal unantastbar. Diese Rollen verhindern, zum eigentlichen Kern unseres Selbst zu kommen, wir schotten uns ab. Brown spricht vom „Verletzlichkeitskater“, dem „vulnerability hangover“, wenn wir fremden Menschen zu viel von uns preisgegeben haben immer mit der Angst, dass es gegen uns verwandt wird.

Wer sich mit seinen Niederlagen konfrontiert, entgeht dem Schamgefühl

Um nicht im Hamsterrad der Scham und Verletzlichkeit stecken zu bleiben, empfiehlt Brown, sich mit den Niederlagen, die Scham auslösen, zu konfrontieren. Sie überlegte, ob sie nicht ein ganzes Zimmer mit all den Absagen tapezieren sollte, bevor sie einen Verleger für ihr jetzt so erfolgreiches Buch „Verletzlichkeit macht stark“ fand. Wer aus Angst, es ohnehin nicht zu schaffen, nichts neues mehr ausprobiert, steht am ende seines Lebens womöglich vor der Frage: Bin ich zufrieden damit, Chancen verpasst zu haben, weil ich mich nicht getraut habe?

Kaspar Politzki

Psychologische Beratungsstelle Lotse München in Riem

Ehrenamtliche Beratung für Bürger in Not

Die Psychologische Beratungsstelle Lotse München geht noch stärker an die Öffentlichkeit. Die anonyme Beratung soll Bürgern in Not eine erste Anlaufstelle bieten.

Im letzten Jahr gründete ich mit meinem Kollegen Brian Haydn die Beratungsstelle in der Messestadt Riem (Oslostraße 10), weil wir in unserer praktischen Arbeit festgestellt hatten, dass sich viele Menschen scheuen Hilfe zu suchen, weil sie nicht als psychisch krank abgestempelt werden wollen. Also tilgten wir in unserem Angebot alles, was irgendwie an Psychiatrie oder Krankeit erinnerte. Wir waren überrascht, denn aus der ganzen Stadt kamen Leute, die ihre Probleme schilderten – nur nicht aus der Messestadt. Vielleicht hat es sich dort noch nicht rumgesprochen. Auf der neuen Homepage der Psychologischen Beratungsstelle Lotse in München ist zu finden, für wen das Angebot geeignet ist.

Die Beratungsstelle öffnet jeden dritten Mittwoch im Monat von 16.00 bis 20.00 Uhr. Genaue Termine werden in der regionalen Presse veröffentlicht.

 

Ist Zeitwahrnehmung eine Illusion?

Der Takt unseres Gehirns stimmt nicht immer mit dem Takt der Zeit überein

Eines der großen Geheimnisse unserer Wahrnehmung ist die Zeit, besonders im Alter. Die Zeit schneller zu vergehen, doch wir haben keine Erklärung dafür.

Ist die Zeitwahrnehmung eine Illusion? Unser Gehirn kann nur neue Erfahrungen neu vernetzen
Vielen älteren Menschen erscheint es so, als würde die Zeit schneller vergehen. Aber ds ist eine Wahrnehmungstäuschung.

In meiner Praxis arbeite ich häufig mit älteren Menschen. Die meisten wundern sich, dass die Uhr im Alter schneller tickt, und niemand kann etwas dagegen tun. Ich frage mich: Ist es eine trügerische Wahrnehmung oder gibt es neurologische Erklärungen dafür.

Kurze Zeitspannen vergehen langsam

Schon 2005 beschäftigten sich die Psychologen Sandra Lehnhoff und Marc Wittmann von der Ludwig-Maximilian Universität in München mit diesem Phänomen. Sie befragten in ihrer Studie „Die Wahrnehmung der Zeit und ihre Wirkung auf das Alter“ 500 Teilnehmer im Alter von 14 bis 94 Jahre, wie schnell subjektiv die Zeit vergehe. Für kürzere Zeiträume von einer Woche bis zu einem Jahr antworteten Alt wie Jung mit „sehr langsam“.

Sollten die Teilnehmer aber auf ihr Leben zurückblicken, verlief das Leben bei über 40 jährigen immer schneller. Wir erleben die Zeit offenbar sehr unterschiedlich und manchmal auch paradox. Bei einer interessanten Tätigkeit vergeht die Zeit wie im Flug, später erinnern wir uns aber im Detail daran, während in Phasen der Langeweile die Zeit nicht vergehen will, in der Erinnerung die Zeit aber wie im Fluge verging.

Die Anzahl der Ereignisse bestimmt unser Zeitgefühl

Neurologen sagen: Sollen wir beurteilen, wie schnell die Zeit vergeht, beurteilen wir das anhand der Anzahl der Ereignisse, an die wir uns erinnern bzw. wie viele neue Ereignisse wir abgespeichert haben. In der Kindheit und Jugend machen wir die meisten neuen Erfahrungen. Je älter wir werden, desto mehr Routine tritt auf die Ereignisse werden nicht neu abgespeichert, sondern im schon vorhandenen Erfahrungsspeicher gebunkert. Im autobiografischen Gedächtnis entsteht allerdings eine Zeitlücke, die wir nicht verorten können. Die Ereignisse werden jenen Neuronen zugeordnet, die ein ähnliches Ereignis vielleicht schon in der Jugend abgespeichert haben.

Neue Erfahrungen verkürzen das Zeitgefühl

Weil wir bereits bekannte Erfahrungen nicht wieder neu abspeichern, sondern auf alte „Erinnerungen“ zurückgreifen, nehmen wir die Zeit, in der wir viel gelernt haben, als dicht und mit Ereignissen vollgestopft vor. Wer im Alter lernt und neue Erfahrungen macht, wird das Gefühl haben, dass die Zeit in dieser Phase wieder langsam vergeht. Haben wir uns als Kinder also gelangweilt, weil die Zeit nicht verging, langweilt sich jetzt unser Gehirn, weil es keine neuen Eindrücke und Lerninhalte bekommt.

Helmut Bundschuh

Trauer als Tranceerlebnis

Trancephänomene, wie Abwehrreaktionen in der Tiefenpsychologie

Trauernde fühlen sich nach dem Verlust des Partners oft ihren eigenen psychischen und körperlichen Reaktionen ausgeliefert. Die aktive Kontrolle über die Umwelt und die Steuerung des eigenen Verhaltens geht verloren. Es ist schwierig, die eigene Trauer zu gestalten, denn es handelt sich um einen Zustand, der mit Trance vergleichbar ist. Schon Sigmund Freud beschrieb die Trauerphänomene und entwickelte später das tiefenpsychologische Konzept der Abwehrreaktionen.

Alleinstehender Baum wächst am Seeufer, Äste hängen über das Wasser
Realen Erscheinungen werden in der Trauer oft mysthische Bedeutung zugeschrieben

Darum achte ich bei meiner Trauerbegleitung auf  eine lösungsorientierte Trauertrance, damit der Trauernde nicht in seiner Problemtrauer stecken bleibt, auch wenn die Situation aufgrund des Verlustes unlösbar scheint. Mehr und mehr komme ich vom klassischen Trauerphasen Modell ab.

Es sind Trauerphänomene zu beobachten, wie sie Gunther Schmidt beschrieb und die auf tiefenpsychologische Prozesse hinweisen, die individuell unterschiedlich bei jedem Trauernden auftreten.[1]

Derealisatien ist Erleben wie unter einer Glasglocke

Unmittelbar nach dem Verlust erleben Trauernde die Situation als völlig unreal. Sie hoffen immer noch, dass es sich um einen Traum handelt, aus dem sie bald aufwachen. Sie fühlen sich wie in Watte gebettet und unter einer Glasglocke – die Realität kommt nur gedämpft und unwirklich an.

Mit dieser Derealisation geht häufig die Dissoziation einher: Einerseits fühlt sich der Trauernde wie gelähmt und betäubt, andererseits kann er die Trauerfeierlichkeiten wie automatisch organisieren. Er hinterlässt nach außen einen anderen Eindruck, als er sich nach innen fühlt. Dissoziation ist ein Trancezustand und tritt im Alltag häufig auf: Wer gedankenverloren aus dem Fenster blickt, seine Umwelt nicht mehr wahr nimmt, während vor seinem inneren Auge „Trancebilder“ auftauchen befindet sich ähnlich wie der Marathonläufer, der seine körperlichen Schmerzen ausblenden kann, in einem Zustand der Trennung zwischen Wahrnehmung und Gedächtnisinhalten.

Zeitverzerrung, als würde die Zeit stillstehen

Roland Kachler sagt dazu: „Trauernde erleben sich als aus der Zeit gefallen und zeitlos. Die Zeitwahrnehmung ist insbesondere zu Beginn des Trauerprozesses massiv verzerrt… Der Tod und die Abwesenheit des geliebten Menschen bewirken einen Stillstand, oft auch eine unheimliche Stille, in der nichts zu geschehen scheint, (deshalb) wird die vergangene reale Zeit im Rückblick als verkürzt erlebt. Auch später wird der Tod des geliebten Menschen als ein Ereignis vor langer Zeit und zugleich als etwas erst vor kurzem Geschehenes gefühlt“.[2]

Halluzinationen mischen sich mit Erinnerungsmustern

Oft berichten Trauernde, dass sie den verstorbenen Partner plötzlich sehen oder seine Stimme hören. Es sind imaginative Erfahrungen. Immer wieder tauchen innere Bilder des Verstorbenen auf – das Gehirn ruft Erinnerungen hervor, die dem Trauernden real erscheinen. Die im Gehirn abgespeicherten Muster, die wir brauchen, um uns in der Welt zurecht zu finden, vermischen sich mit akustischen, auditiven und sensorischen Eindrücken. Das Erleben der trauernden Person ist in allen Beziehungen durchlässig für den Verstorbenen. Der ist zwar in eine andere Welt gegangen, für den Trauernden aber in einer nahen, fühlbaren Welt. Gerade in der Anfangszeit hat die Wirklichkeit eine quälende, albtraumhafte Qualität. Roland Kachler beschreibt diese als Tranceerfahrung.[3]

[1] Ebenda, S. 56 ff.

[2] Kachler R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung“, Carl Auer Verlag, Heidelberg 2014, S. 55

[3] Schmidt G.: „Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung“, Heidelberg 2005, Carl Auer Verlag

Große Auswahl – großer Frust

Zu viele Wahlmöglichkeiten machen unglücklich

Je mehr Auswahl, desto besser – könnte man meinen. Tatsächlich zeigen neue Studien, dass ein Überangebot an Wahlmöglichkeiten unglücklich macht.

Noch nie hatten wir so viele Wahlmöglichkeiten in allen erdenklichen Lebensbereichen wie heute. Jeder kann sie nach Belieben nutzen – oder es sein lassen. Studien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen legen jetzt nahe, dass der Zuwachs an Angeboten in den Industrieländern mit vermindertem Wohlbefinden einhergeht.

Sollen akribische Menschen genügsamer sein?

Der Psychologe Barry Schwartz untersuchte am Swarthmore College (Pennsylvania) mit seinem Team an mehreren tausend Probanden, warum sich viele Menschen nicht freuen, wenn ihre Wahlmöglichkeiten wachsen. Nach Fragen wie: „Ich gebe mich nie mit dem Zweitbesten zufrieden“ oder „Bin ich nachträglich mit meiner Entscheidung zufrieden“ teilten sie die Versuchsteilnehmer in zwei Gruppen ein. Die akribischen Maximierer, die stets auf die bestmögliche Wahl aus sind und die Genügsamen, die sich auch mit halbwegs zufrieden stellenden Optionen begnügen.

Barry Schwartz erforscht die Vernetzung von Psychologie und ökonomischen Zusammenhängen

Die Maximierer stellen mehr Produktvergleiche an und brauchen länger für eine Entscheidung, während die Genügsamen mit Vergleichen aufhören, wenn sie ein Produkt gefunden haben, das ihren Erwartungen entspricht. Auch wenn es nicht immer das günstigste ist. Maximierer studieren Magazine, Testberichte und opfern viel Zeit für eine Kaufentscheidung. Tatsächlich treffen sie objektiv meist die bessere Entscheidung als die Genügsamen, sind aber dennoch unzufriedener.

Das könnte laut Barry Schwartz Ergebnissen an der verhältnismäßig großen Investition an Zeit und Anstrengung liegen. Es macht ihnen wenig Freude besser abgeschnitten zu haben, jedoch erhebliches Kopfzerbrechen, wenn sie schlechter abschneiden. Oft empfinden sie bei ihrem Kauf Reue und sie brauchen länger, sich danach wieder wohler zu fühlen. In Tests erwiesen sie sich erwartungsgemäß als weniger glücklich, pessimistischer und deprimierter ab, viele wiesen Symptome einer Depression auf.

Ein Grund könnten die sogenannten Opportunitätskosten sein. Das sind fiktive Kosten, die sich zunächst nicht in Geld, jedoch in persönlichen Werten messen lassen. Wer einen Strandurlaub bucht, verpasst möglicherweise ein Kulturangebot, das ihn mehr interessieren würde. Wer einen Museumsurlaub bucht, könnte die das Lebensgefühl in einer fremden Stadt verpassen. Schon der Nobelpreisträger Daniel Kahneman von der Princeton University stellte fest, dass fiktive Kosten stärkere psychologische Wirkung haben als Gewinne. Manchmal wirken sich diese fiktiven Kosten lähmend aus. Barry Schwartz sagt dazu: „Den Menschen tut es nicht nur leid um die entgangenen Möglichkeiten, sondern oft bereuen sie auch die getroffenen Entscheidungen. Es überrascht auch nicht, dass Menschen, die besonders zum Bedauern ihrer Wahl neigen, in der Regel Maximierer sind. In der Tat glauben wir, dass Furcht vor künftiger Reue ein wichtiger Grund für das Maximierungsverhalten ist. Doch leider wird man die Entscheidung umso wahrscheinlicher bereuen, je mehr Optionen es gibt und je mehr Opportunitätskosten man zu tragen hat.“[1]

Ein weiteres Phänomen könnte das Frustrationspotential der Maximierer befeuern: Die Gewöhnung. Weil wir uns an die Annehmlichkeiten des Lebens gewöhnen, erfüllen sie mit der Zeit nicht mehr unsere Erwartungen. Das positive Erlebnis hält nicht mehr lange an, zu schnell wird ein Produkt von einem noch besseren abgelöst. Die Opportunitätskosten einer Entscheidung sind Kosten die wir im Voraus bezahlen, die sich als befriedigendes Erlebnis kaum noch amortisieren können.

„Ein Übermaß an Alternativen kann auch noch dadurch Kummer bereiten, dass es allzu hohe Erwartungen weckt“, so Schwartz. „Unsere Forschung belegt, dass Maximierer besonders anfällig für Depressionen sind.“[2]

Angesichts dieser Schwierigkeiten, so Barry Schwartz, seien die Industriegesellschaften gut beraten, ihre „Anbetung der unbegrenzten Wahlfreiheit zu überdenken“. Wer will schon generell die Auswahlmöglichkeiten einschränken? Die Studie scheint zu belegen, dass exzessive Angebotsvielfalt Stress verursacht. Individuelle Gegenstrategien würden eine neue Denkungsart erfordern – das würde mutmaßlich die Industrie verhindern wollen. „Unentwegt werfen die Hersteller neue Produkte auf den Markt, als bräuchten wir mehr Vielfalt. Wie aus meinen Forschungen hervorgeht, beruht die Entwicklung in all diesen Bereichen wahrscheinlich auf zutiefst falschen Annahmen.“[3]

Von Helmut Bundschuh

[1] Schwartz, B. et al.: Maximizing Versus Satisficing: Happiness is a Matter of Choice. InSpectrum der Wi9ssenschaft, Higlights 3/15, S.7 ff.

[2] ebenda

[3] ebenda

 

Beratungsstelle Lotse zieht um

Die Psychologische Beratungsstelle Lotse zieht um: Ab sofort sind wir im Nachbarschaftstreff Oslostraße 10 zu finden. Wir bedanken uns beim Nachbarschaftstreff Heinrich Böll Straße, der uns bisher die Räume zur Verfügung gestellt hat. Der nächste Beratungstermin der Psychologischen Beratungsstelle Lotse in der Münchner Messestadt Riem findet am 8. Dezember 2015 von 17.00 Uhr bis 20.00 Uhr statt.

Neue Wege in der Trauerbegleitung

Ein Beitrag von Helmut Bundschuh

Der Psychotherapeut Roland Kachler hat ein neues Konzept zur Trauerbegleitung entwickelt, das es dem Trauerbegleiter erlaubt, aktiv in den Bewältigungsprozess einzugreifen.

Comforting friend. Woman consoling her sad friend.Trauerbegleitung beschränkte sich lange Zeit auf die passive Begleitung, Zuhören, Verständnis, Empathie und Achtsamkeit waren die therapeutischen Hilfsmittel der ersten Wahl. Zwar unterstützt, aber weitgehend selbständig, sollten die Klienten die klassischen Stufen des Trauerprozesses nach Kübler-Ross und Bowlsby durchschreiten. Wie viele Kollegen fühlte auch ich mich unwohl, nicht aktiv eingreifen zu können, wenn es mir sinnvoll und nötig erschien.

Im Kreislauf der Problemtrance

Menschen, die zur Beratung kommen, befinden sich häufig in einer Problemtrance. Ihre Aufmerksamkeit ist ausnahmslos auf das Problem gerichtet, sie sind zunächst im Kreislauf der Trauer gefangen, fühlen sich vom Problem hypnotisiert und verhalten sich auch so. Dieser Vorgang wird vom Betroffenen als unwillkürlich, also kaum beeinflussbar erlebt, Veränderungen im Trauerprozess bleiben häufig unzugänglich.

Einsatz von Distanzierungstechniken

Kachler schlägt vor, durch Distanzierungstechniken die Problemtrance aufzuheben, um in eine Lösungstrance zu kommen. Distanzierungstechniken helfen, das Problem von außen zu betrachten, Klienten erfahren es als nicht mehr allein zu ihnen gehörig. Lösungsmöglichkeiten werden klarer und greifbarer.

Um die „Umfokussierung“ zu unterstützen, werden in der hypno-systemischen Arbeit alle Sinneskanäle aktiviert, viele Techniken stammen aus dem Werkzeugkoffer der integrativen Therapie. Es wird mit Veränderungen der Körperhaltung, mit Visualisierungen, mit inneren Bildern, inneren Teams, mit Metaphern und Symbolen, Aufstellung des Problems im Raum und mit Fokussierungsübungen gearbeitet.

Fazit: Selbstkontrolle durch Selbstmanagement

Durch die Erfahrung von konkreten Unterschieden zwischen Problem- und Lösungszuständen auf allen Sinnesebenen und durch das bewusste Gestalten dieser Zustände beginnt der Trauernde, aktives Selbstmanagement zu betreiben. Man nimmt sich wieder als handelndes Subjekt wahr und gewinnt wieder Kontrolle über sich selbst.

Selbsthilfetag am Marienplatz München

SHZ München

Am letzten Samstag, den 27. Juni fand auf Münchner Marienplatz der diesjährige Selbsthilfetag statt. Veranstalter war wieder das Selbsthilfezentrum München.

70 Stände und Pavillons von Selbsthilfegruppen

Ulrike Zinsler und Helmut Bundschuh trafen sich beim Selbsthilfetag auf dem Marienplatz
Ulrike Zinsler (SHZ München) und Helmut Bundschuh

Wer zur Selbsthilfe aufruft und eine Gruppe gründen will, findet im Selbsthilfezentrum München eine zuverlässige Anlaufstelle. Dieses Jahr wurden auf dem Münchner Marienplatz wieder 70 Stände und Pavillons aufgebaut, um die Bürger über das Spektrum der selbstorganisierten Hilfe zu informieren.

Dabei waren bekannte Initiativen wie die anonymen Alkoholiker oder das Blaue Kreuz, das Hilfe für Süchtige aller Art und Angehörige bietet. Aber auch private Initiativen, die Hilfe für Mobbingopfer suchen, die Selbsthilfegruppe für Linkshänder oder der Münchner Erfinderclub Pioniere, die Geschäftsideen feilboten.

Information und Gruppenübungen für Herzkranke

Für die Gruppe Herzkrank – Wohin mit den Ängsten und Sorgen war die Vorbereitungszeit zu kurz. Sie befindet sich in der Gründungsphase, hat aber schon eine klare Struktur gefunden.  Im Zentrum dieser Selbsthilfegruppe stehen Informationen, Vorträge zum Thema Psychokardiologie, Entspannungsübungen und bei Zeiten Ernährungsfragen. Mitmachen können Erkrankte mit Bypass Operationen, Herzinfarkt, Rhythmusstörungen, Herzschwäche, Herzschrittmachern und Stentimplantationen. Die Gruppe trifft sich jeden 4. Montag im Selbsthilfezentrum, Westendstraße 64.