Erzählen Sie Ihre Geschichte

Wie bewältigen Sie Ihre Krankheit?

Für die Münchner Selbsthilfegruppe „Herzkrank – ohne Ängste und Sorgen“ entsteht ein neuer Blog, in dem herzkranke Menschen erzählen, wie sie ihre Erkrankung bewältigen.

Eine ältere Frau schreibt Tagebuch und stellt fest, wie sich Erinnerungen verändern
Haben Sie eine Idee, woher Ihre Herzerkrankung kommen könnte? Auf unserem Blog können Sie berichten, wie Sie Ihre Krankheit in den Griff bekommen haben und Anderen einen Tipp geben

„Bitte melden Sie sich“, so heißt der Aufruf der Selbsthilfegruppe „Herzkrank – ohne Ängste und Sorgen“. Herzkranke sollen ihre Krankheitsgeschichte erzählen, wir veröffentlichen sie in unserem neuen Internet-Blog. Manche können berichten, dass es schon früher Anzeichen dafür gab, die man aber nicht beachtete. Oder hat vielleicht der frühere Lebensstil dafür gesorgt, dass das Herz nicht mehr mitmachte?

Erzählen Sie, welche Ängste Sie geplagt haben und wie Sie die Ängste und Sorgen bewältigt haben. Uns interessiert, welche Strategien Sie zur Bewältigung Ihrer Krankheit entwickelt haben. Vielleicht können Sie Anderen damit helfen! Denn es gibt viele Herzpatienten, bei denen sich anfängliche Sorgen zu seelischen Belastungen entwickelt haben. Dem kann man entgegenwirken.

Wir schreiben Ihre Geschichte auf und veröffentlichen sie in unserem neuen Internet-Blog. Rufen Sie uns an unter der Telefonnummer 089/20 331 226 oder schreiben Sie uns eine E-Mail.

Helmut Bundschuh

Wie sich Herzkranke selbst helfen

Erste Selbsthilfegruppe für Herzkranke mit seelischen Beschwerden trifft sich regelmäßig

Am Montag, den 22. August trifft sich die Selbsthilfegruppe „Herzkrank ohne Ängste und Sorgen“. Das Treffen ist zum Ritual für viele Herzpatienten geworden.

Ulrike Zinsler und Helmut Bundschuh trafen sich beim Selbsthilfetag auf dem Marienplatz
Ulrike Zinsler (SHZ München) ist zuständig für Selbsthilfeberatung und -unterstützung, Raumvergabe; Helmut Bundschuh, Selbsthilfegruppe Herzkrank- Wohin mit den Ängsten und Sorgen?

Wir suchen Menschen mit Herzrhythmusstörungen (oder anderen Herzerkrankungen), die über ihre Erfahrungen und die Folgeerscheinungen eines Eingriffs sprechen können. Konnten die Herzbeschwerden behoben werden oder kamen andere Beschwerden hinzu? Wir sprechen über Möglichkeiten, wie man Ängste und Sorgen wieder loswerden kann.

Wir sind eine Selbsthilfegruppe für Herzkranke, die sich mit den seelischen Belastungen von Herzerkrankungen beschäftigt und laden Sie zu unserem nächsten Treffen ein. Jeden vierten Montag  im Monat von 18.00 bis 20.00 Uhr im Selbsthilfezentrum München, Westendstraße 68. Das nächste Treffen findet am 22.August im Selbsthilfezentrum München in Raum 1 statt. Für weitere Informationen stehe ich Ihnen gerne unter der Telefonnummer 089/20 331 226 zur Verfügung. Oder schreiben Sie eine E-Mail über meine Homepage.

Helmut Bundschuh

Die Kunst, sich zu entscheiden

Wie werden wir mit Fehlentscheidungen fertig?

Verfügen wir Menschen über ein psychologisches Schutzschild, eine Art seelisches Immunsystem, das es uns leichter macht, mit Niederlagen und Fehlentscheidungen fertig zu werden? Der amerikanische Psychologe Daniel Gilbert sagt: Ja. Denn wir haben eine Wahrnehmung von der Welt, die nicht immer  der Realität entspricht. Wir konstruieren uns einen künstlichen Glückszustand.

Dan Gilbert schreibt in seinem Buch Ins Glück stolpern[1], dass uns nichts mehr belastet, als eine Chance verpasst zu haben und nichts getan zu haben. Aber keine Sorge, wir verfügen über ein natürliches Schutzschild, das uns davor bewahrt, wegen jeder Fehlentscheidung gleich in Panik zu verfallen.  Aber wie entscheiden wir uns in einer Welt, die mehr Entscheidungsmöglichkeiten bietet als je zuvor? Unsere Entscheidungen werden von vielen Faktoren beeinflusst: Von der Herkunft unserer Familie, unsere Gefühle werden davon beeinflusst, wie wir aufgewachsen sind und was wir daraus gemacht haben.

 Unser Gefühl sagt, was wir tun sollen

Gilbert sagt, erst Gefühle machen uns entscheidungsfähig, wer nur rational abwägt, kommt zu keinem Schluss, ohne Gefühl scheint der Verstand hilflos zu sein. Als Beispiel bringt er den Fall des Patienten Elliot, dem bei einer Tumoroperation ein kleines Areal des Gehirns hinter dem Stirnlappen entfernt worden war. Zwar war Elliot nach dem Eingriff voll funktionsfähig, seine Intelligenz hatte in keiner Weise gelitten, aber er hatte keine Gefühle mehr. Elliot konnte nicht einmal kleinste Entscheidungen treffen, zum rationalen Abwägen fehlte ihm das Bauchgefühl, was für ihn richtig sein könnte.[2]

Beeinflusst ein Hormoncocktail unsere Entscheidungen?

Doch oft halten uns Gefühle zum Narren und sind absolut falsch, obwohl wir sie für richtig halten. Bestes Beispiel ist der Aktienmarkt: Je häufiger eine Aktie in den Medien genannt wird, umso bekannter kommt sie uns vor, obwohl wir nicht wirklich etwas über den Aktienwert wissen. Eine trügerische Entscheidungshilfe dabei ist das Glückshormon Dopamin, es belohnt uns für scheinbar bekannte Vorgänge und warnt uns vor neuen Entscheidungen. An Investmant-Bankern wurde festgestellt, dass bei riskanten Entscheidungen der Spiegel des Sexualhormons Testosteron ansteigt – ein Stresshormon. Wer Entscheidungen im Stress trifft, trifft meist die falsche. Wer sich nicht entscheiden kann, sollte lieber einmal darüber schlafen.

 

Unter Stress sind keine rationalen Entscheidungen möglich

Aber was passiert, wenn sich Gefühl und Verstand widersprechen? Der deutsche Hirnforscher Gerhard Roth sagt, dass in Stresssituationen das Gehirn Noradrenalin ausschüttet, dann sind rationale Entscheidungen nicht mehr möglich. Die richtige Mischung macht es: Wir bevorzugen gelernte Muster. Auch Gedankengänge können automatisiert und mit positiven Gefühlen belegt werden. Einer meiner Klienten, der seine Kindheit unter der Knute seiner Borderline-Mutter verbracht hatte fragte sich, weshalb er sich ausgerechnet einer Borderline-Frau ausgesucht hatte, unter der er jetzt offensichtlich litt. Hätte er nur seinem Bauchgefühl vertraut, denn die biologischen Merkmale, auf die wir uns bei der Partnerwahl binnen Sekunden entscheiden, sind erstaunlich oberflächlich, sagen Evolutionsbiologen. Aber irrationales Verhalten ist nur menschlich.

 

 

 

[1] Dan Gilbert: Ins Glück stolpern, Goldmann Verlag 2008

[2] Antonio Damasio: Ich fühle, also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, List Verlag 2002, S. 54 ff

Neue Behandlungsleitlinien für herzkranke Patienten

Versuch, eine Versorgungslücke zu schließen

Ein neuer Praxisleitfaden soll Ärzten helfen, seelische Belastungen bei herzkranken Patienten leichter zu erkennen und die Versorgungslücke bei der Behandlung von Angsterkrankungen und Depressionen nach dem REHA Aufenthalt schließen.

Fast die Hälfte aller Deutschen leidet an Arterieller HypertonieArterielle Hypertonie
Hoher Blutdruck wird meist erst erkannt, wenn das Herz schon geschädigt ist. Patienten sollen jetzt schon in der Reha-Klinik lernen, damit umzugehen

Patienten, die aufgrund ihrer Herzerkrankung unter seelischen Belastungen leiden, geraten nach dem Klinikaufenthalt häufig in eine Versorgungslücke, weil Kardiologen psychische Belastungen nicht erkennen und deshalb auch keine Behandlungsempfehlung geben. Nun hat die Freiburger Universität unter Mitwirkung der führenden deutschen Psychokardiologen Praxisempfehlungen für psychologische Interventionen in der Rehabilitation bei koronaren Herzerkrankungen herausgegeben.[1] Auch Psychologen und Ärzte in Reha-Kliniken können mit diesem Leitfaden psychologische Problemlagen besser feststellen und eine vorgeschlagene und geeignete Intervention wählen.

Niedrigschwellige Intervention soll motivieren

Psychotherapien und psychologische Interventionen sollen von Psychologen durchgeführt werden, niedrigschwellige Interventionen (z.B. Motivierende Gesprächsführung oder Bewältigungsplanung) bei Patienten, bei denen die Belastungen noch keinen Krankheitswert haben, können auch von speziell in der psychokardiologischen Grundversorgung ausgebildeten Heilpraktikern oder psychologischen Beratern und Pflegepersonal durchgeführt werden.

Genderübergreifende Empfehlungen gibt es nicht

Leider sind trotz des umfangreichen Manuals keine geschlechtsspezifischen Empfehlungen zu machen, da das Datenmaterial diesbezüglich nicht ausreichend ist. Aus der Praxisempfehlung für koronare Herzerkrankungen der Universität Freiburg ist zu entnehmen: „Selbstverständlich wäre es optimal, wenn die Feststellung bestimmter psychologisch relevanter Problemlagen und die Anberaumung entsprechender Maßnahmen durch den Psychologen erfolgen könnten. Dies würde allerdings voraussetzen, dass der Psychologe mit allen Rehabilitanden ein Aufnahmegespräch führt, was in den meisten Einrichtungen aufgrund der Personalsituation nicht zu leisten ist.“[2]

Zwei Herzgruppen für Belastungsreaktionen in München

Angeraten wird die Organisation der Patienten in Selbsthilfegruppen  und geleiteten Herzgruppen, wo der Umgang mit der Erkrankung geübt werden soll. In München existieren derzeit zwei Selbsthilfegruppen, die sich mit seelischen Belastungen herzkranker Patienten beschäftigen. Die Autoren der Praxisempfehlung ratendazu, routinemäßig alle Patienten in Reha-Kliniken auf psychosoziale Belastungen, auf soziale Isolation oder Problemen in Bezug auf die Erwerbstätigkeit zu untersuchen, um die „Entdeckungsrate“ zu erhöhen.

[1] Verfügbar unter https://www.uniklinik-freiburg.de/severa/praxisempfehlungen.html: Autoren: Reese, C., Mittag, O., Bengel, J., Boll-Klatt, A., Cordes, C., Deck, R., Dräger-Recktenwald, R., Faller, H., Fleig, L., Gauggel, S., Geigges, W., Grande, G., Hautzinger, M., Herrmann-Lingen, C., Langosch, W., Mai, B., Niebling, W., Pomp, S., Schmucker, D., Wörner, S. & Worringen, U. (2012). Praxisempfehlungen für psychologische Interventionen in der Rehabilitation: Koronare Herzerkrankung.

[2] https://www.uniklinik-freiburg.de/fileadmin/mediapool/08_institute/qm-sozmed/Praxisempfehlungen/Praxisempfehlungen_Kardiologie.pdf, S. 6

Trauer als Tranceerlebnis

Trancephänomene, wie Abwehrreaktionen in der Tiefenpsychologie

Trauernde fühlen sich nach dem Verlust des Partners oft ihren eigenen psychischen und körperlichen Reaktionen ausgeliefert. Die aktive Kontrolle über die Umwelt und die Steuerung des eigenen Verhaltens geht verloren. Es ist schwierig, die eigene Trauer zu gestalten, denn es handelt sich um einen Zustand, der mit Trance vergleichbar ist. Schon Sigmund Freud beschrieb die Trauerphänomene und entwickelte später das tiefenpsychologische Konzept der Abwehrreaktionen.

Alleinstehender Baum wächst am Seeufer, Äste hängen über das Wasser
Realen Erscheinungen werden in der Trauer oft mysthische Bedeutung zugeschrieben

Darum achte ich bei meiner Trauerbegleitung auf  eine lösungsorientierte Trauertrance, damit der Trauernde nicht in seiner Problemtrauer stecken bleibt, auch wenn die Situation aufgrund des Verlustes unlösbar scheint. Mehr und mehr komme ich vom klassischen Trauerphasen Modell ab.

Es sind Trauerphänomene zu beobachten, wie sie Gunther Schmidt beschrieb und die auf tiefenpsychologische Prozesse hinweisen, die individuell unterschiedlich bei jedem Trauernden auftreten.[1]

Derealisatien ist Erleben wie unter einer Glasglocke

Unmittelbar nach dem Verlust erleben Trauernde die Situation als völlig unreal. Sie hoffen immer noch, dass es sich um einen Traum handelt, aus dem sie bald aufwachen. Sie fühlen sich wie in Watte gebettet und unter einer Glasglocke – die Realität kommt nur gedämpft und unwirklich an.

Mit dieser Derealisation geht häufig die Dissoziation einher: Einerseits fühlt sich der Trauernde wie gelähmt und betäubt, andererseits kann er die Trauerfeierlichkeiten wie automatisch organisieren. Er hinterlässt nach außen einen anderen Eindruck, als er sich nach innen fühlt. Dissoziation ist ein Trancezustand und tritt im Alltag häufig auf: Wer gedankenverloren aus dem Fenster blickt, seine Umwelt nicht mehr wahr nimmt, während vor seinem inneren Auge „Trancebilder“ auftauchen befindet sich ähnlich wie der Marathonläufer, der seine körperlichen Schmerzen ausblenden kann, in einem Zustand der Trennung zwischen Wahrnehmung und Gedächtnisinhalten.

Zeitverzerrung, als würde die Zeit stillstehen

Roland Kachler sagt dazu: „Trauernde erleben sich als aus der Zeit gefallen und zeitlos. Die Zeitwahrnehmung ist insbesondere zu Beginn des Trauerprozesses massiv verzerrt… Der Tod und die Abwesenheit des geliebten Menschen bewirken einen Stillstand, oft auch eine unheimliche Stille, in der nichts zu geschehen scheint, (deshalb) wird die vergangene reale Zeit im Rückblick als verkürzt erlebt. Auch später wird der Tod des geliebten Menschen als ein Ereignis vor langer Zeit und zugleich als etwas erst vor kurzem Geschehenes gefühlt“.[2]

Halluzinationen mischen sich mit Erinnerungsmustern

Oft berichten Trauernde, dass sie den verstorbenen Partner plötzlich sehen oder seine Stimme hören. Es sind imaginative Erfahrungen. Immer wieder tauchen innere Bilder des Verstorbenen auf – das Gehirn ruft Erinnerungen hervor, die dem Trauernden real erscheinen. Die im Gehirn abgespeicherten Muster, die wir brauchen, um uns in der Welt zurecht zu finden, vermischen sich mit akustischen, auditiven und sensorischen Eindrücken. Das Erleben der trauernden Person ist in allen Beziehungen durchlässig für den Verstorbenen. Der ist zwar in eine andere Welt gegangen, für den Trauernden aber in einer nahen, fühlbaren Welt. Gerade in der Anfangszeit hat die Wirklichkeit eine quälende, albtraumhafte Qualität. Roland Kachler beschreibt diese als Tranceerfahrung.[3]

[1] Ebenda, S. 56 ff.

[2] Kachler R.: „Hypnosystemische Trauerbegleitung“, Carl Auer Verlag, Heidelberg 2014, S. 55

[3] Schmidt G.: „Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung“, Heidelberg 2005, Carl Auer Verlag

Hilfe für Hinterbliebene

Hypnosystemische Trauerbewältigung und narrative Erzähltherapie, eine wirksame Therapiekombination zur Trauerbewältigung

Wenn es um die Unterstützung trauernder Personen geht, ist die „Trauerarbeit“ zunächst in drei Formen aufgeteilt. Die Trauerbegleitung, die Trauerberatung und die Trauertherapie. Die Übergänge sind oft fließend, längere Prozesse sollten aber im therapeutischen Setting geschehen.

Tiefe Trauer gleicht häufig einen tranceähnlichen Zustand. Deshalb hat der deutsche Psychotherapeut und Trauerbegleiter Roland Kachler den neuen Ansatz der hypnosystemischen Trauerarbeit entwickelt, in dem er das Umfeld der trauernden Person und Hypnosetherapie vereinigt. Denn in seiner früheren Arbeit als Trauerbegleiter hatte er die Erfahrung gemacht, dass sein Ratschlag, den Verstorbenen „loszulassen“, bei den Trauernden  große Widerstände provozierte. Das führte zu einer relativ hohen Abbruchquote der Therapie und Roland Kachler hatte selbst das „Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht gegenüber dem als endgültig definierten Verlust“.[1]

Gunther Schmidt vereinigt unterschiedliche Ansätze der Therapie

Der Hypnose- und Psychotherapeut Gunther Schmidt hatte schon 2005 den Hypnosystemischen Ansatz für die Psychotherapie definiert[2]. Schmidt war es gelungen, hypnotische und systemische Therapie zu vereinen, wobei tiefenpsychologische Ansätze nach Carl Gustav Jung, Ansätze der Transaktionsanalyse, der Ego-State-Therapie – worin Handwerkzeug der Traumatherapie mit einfloss – und nicht zuletzt religionssoziologische und religionspsychologische Erkenntnisse mit einflossen.

Aber zurück zum trauernden Klienten. Frühere Ansätze der Therapie folgten Sigmund Freuds Verständnis der Libidotheorie: „Ziehe deine Energie vom Verstorbenen ab – löse die emotionale Bindung zum Verstorbenen – durchlebe die Trauer, um dann wieder frei zu sein – schließe die Trauer und Trauerarbeit ab – nutze die zurückgewonnene Libido für neue Beziehungen und Lebensaufgaben.“[3] In meiner eigenen Erfahrung rief das bei Klienten großen Widerstand hervor. Und ich war nicht dazu bereit, es darauf beruhen zu lassen. Schon Bowlby wies darauf hin[4], dass Hinterbliebene nicht bereit sind, Verstorbene aus ihren Erinnerungen zu löschen.

Verstorbene mischen sich in neue Beziehungen ein

Immer wieder war ich in meiner Trauerbegleitung mit einem bestimmten Problem konfrontiert. War es der trauernden Person gelungen, dem Verstorbenen einen dauerhaften Platz in ihrem Leben zu geben und ging die Trauernde eine neue Beziehung ein, entstand ein triadisches System, in dem der Verstorbene weiterhin eine wichtige Rolle im System der Lebenden spielte.

Anja Bednarz fragte in ihrer Studie „Den Tod überwinden. Deuten und Handeln im Hinblick auf das Sterben eines Anderen“ Hinterbliebene, wie sie den Tod einer Beziehungsperson verarbeiteten und stellte fest, dass die Beziehung zu dem Toten „integraler Bestandteil der Identität der Nachbleibenden“ ist[5]. In der Studie kommt sie zu dem Ergebnis: „Verstorbene haben über den Tod hinaus eine bedeutsame Funktion im Leben der Hinterbliebenen – Die Verstorbenen bleiben imaginativ im Erleben und Handeln der Überlebenden präsent – Die Verstorbenen werden als bedeutsame Andere bewahrt – Die Trauernden gebrauchen Mittel, die zur Vergegenwärtigung und sozialen Integration der Toten dienen (Grab, Fotos etc.)[6]

Es ist wichtig, die eigene Biografie weiter zu erzählen

Robert Neimeyer, Professor für Psychotherapie an der Universität von Nebraska, sieht dahinter zwei menschliche Grundbedürfnisse: Das Bedürfnis nach Kontinuität der biografischen Selbsterzählung – und das Bedürfnis nach Bedeutung und Sinn der biografischen Erfahrung.  Roland Kachler kommentiert dazu, dass Trauernde aus diesen beiden Grundbedürfnissen der biografischen Selbstbetrachtung heraus eine Neukonstruktion ihres Welt- und Selbstbildes finden können. Die Identität des Hinterbliebenen hat sich verändert, es bedarf einer Konstruktion eines Gesamtbildes, in den der Partner als Verstorbener integriert werden muss. Sozusagen eine „Neuerfindung“ der eigenen Biografie.

Ich ermuntere meine Klienten, Erinnerungen aus der gemeinsamen Zeit zu erzählen, den positiven und negativen Erinnerungen einen Platz zu geben, den Verlust immer wieder neu zu durchleben um festzustellen, wie sich die Erinnerung und das Gefühl dazu verändern. Große Wirksamkeit zeigt das imaginäre Gespräch mit dem Verstorbenen und der Versuch, eine gute Beziehung zu ihm zu finden, sodass der Verstorbene als abwesende Person in die eigene Lebensgeschichte integriert werden kann. Und schließlich leite ich an, für die Zeit nach dem Verlust eine neue Lebensgeschichte zu finden.

Beim Erzählen verändert sich die Verlusterfahrung

In dieser Beziehung konstruiere ich ein therapeutisches Geflecht aus hypnosystemischer und biografischer Trauerarbeit. Erfahrungsgemäß verändert sich die Verlusterfahrung im biografischen Erzählprozess. Aber entscheidend sind die Resilienzfaktoren des Hinterbliebenen. Ich gehe stimme mit Hilarion Petzold überein, dass Resilienz (psychische und mentale Widerstandsfähigkeit) kein Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern eine „relationale Konstellation aus Person-Umweltbedingungen“[7] sind. Ich unterscheide dabei zwischen protektiven Faktoren, die den Hinterbliebenen in der konkreten Situation beschützen und Ressourcen, die er möglicherweise momentan nicht abrufen kann. Die narrative Erzählung soll brachliegende Fähigkeiten schöpfen. Auffallend ist, dass ältere Klienten überdies aufgrund gehäuft auftretender Verluste über ein spezielles Verlustmanagement verfügen.

Insgesamt scheinen Roland Kachlers hypnosystemische Ansätze und Hilarion Petzolds Instrumentarium der narrativen Erzähltherapie ein probates Mittel zur Unterstützung einer gelingenden Trauerbewältigung zu sein.

Helmut Bundschuh

[1] Roland Kachler: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“, Carl-Auer, Heidelberg Verlag 2014, S.33

[2] Gunther Schmidt: „Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung“, Carl Auer Verlag, Heidelberg,3. Aufl. 2010

[3] Roland Kachler: „Hypnosystemische Trauerbegleitung – Ein Leitfaden für die Praxis“, Carl-Auer, Heidelberg Verlag 2014, S.36

[4] Bowlby J. „Verlust und Trauer und Depression, Fischer Verlag 1983, S. 183

[5] Anja Bednarz: Mit den Toten leben. Über Selbst-Sein und das Sterben eines Anderen, 2005. In „Familiendynamik 30(I), S. 4-22

[6] Anja Bednarz: „Den Tod überleben. Deuten und Handeln im Hinblick auf das Sterben eines Anderen“, Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 2003, S. 191 ff

[7] Resilienz und protektive Faktoren im Alter und ihre Bedeutung für den Social Support und die Psychotherapie bei älteren Menschen, http://www.erzbistumkoeln.de/export/sites/ebkportal/seelsorge_und_glaube/krankheit_und_pflege/.content/.galleries/ethik-medizin-pflege/Vortraege_Seminarunterlagen/2009-12-01-Resilienz_und_protektive_Faktoren_im_Alter.pdf

 

Hypnosystemische Trauerberatung

Viel versprechende Hilfe für Hinterbliebene

Es passiert immer wieder, dass Trauernde beginnen, lang zurückliegende Verluste zu bearbeiten. Dabei stoßen sie auf vergessene und vermeintlich verarbeitete Verluste, die noch nicht bewältigt sind.

Früher gab es zeitweise eine relativ hohe Abbruchrate und ich fragte mich nach den Ursachen. Ich muss gestehen, dass ich mich bei massiven Trauerprozessen manchmal hilflos fühlte und es mir schwer fiel, den Klienten ein Loslassen vom Verstorbenen zu empfehlen.

Die Trauerreaktion kann wie die Schmerzreaktion als intensive Tranceerfahrung verstanden werden
Aus hypnosystemischer Sicht ist Trauerarbeit eine kreative und internale Beziehungsarbeit

Erfahrungsgemäß kamen aber jene Klienten besser mit ihrer Trauer zurecht, die neben einem emotionalen Verarbeitungsprozess auch einen religiösen und spirituellen Prozess zuließen.

Die Phasenmodelle nach John Bowlby (1970) und Verena Kast (1982) und Yorick Spiegel halfen mir auch nicht weiter[1]:

4 Phasen der Trauerbewältigung – ein veraltetes Modell?

  1. Phase des Nicht-wahrhaben-Wollens
  2. Phase der aufbrechenden Emotionen
  3. Phase des Suchens und Sichtrennens
  4. Phase des neuen Selbst- und Weltbezuges

Der Psychoanalytiker Yorick Spiegel[2] steuerte das libidotheoretische Verständnis nach Freud bei:

  1. Ziehe deine Liebesenergie vom Verstorbenen ab
  2. Löse die emotionale Bindung zum Verstorbenen
  3. Durchlebe die Trauer, um dann wieder frei zu sein
  4. Schließe die Trauer ab
  5. Nutze die zurückgewonnene Libido für neue Beziehungen und Lebensaufgaben

 Loslassen geht nicht, es wird Widerstand geleistet

Als therapeutischer Trauerbegleiter stieß ich in meiner Praxis auf ungeahnte Widerstände bei den Trauernden, wenn sie loslassen sollten, aber nicht bereit dazu waren. Schon Bowlby wies darauf hin, dass die Verbindung zum Verstorbenen weiter bestehen kann und das „…ein integraler Bestandteil gesunder Trauer ist.“[3] Die Hinterbliebenen löschen den Verstorbenen nicht aus, sondern erleben eine innere Beziehung, die für die Identität des Hinterbliebenen wesentlich sein kann. In der deutschen Trauerforschung wurde dieser Ansatz bis in jüngste Zeit ignoriert und nicht weiter verfolgt.

„Der Tod und die bleibende Abwesenheit entziehen den geliebten Menschen als äußeres Bindungsobjekt, auf das sich die Bindungsenergien beziehen (vgl. Otto Kernberg: Vorträge zu Narzissmus und Objektbeziehung 1981).Das vertraute… Gegenüber ist nicht mehr da, um über wiederholte Beziehungserfahrungen die Bindung immer wieder zu erneuern und zu stärken. Diese erschütternde Erfahrung im Verlust wird den Trauernden … am Beginn des Trauerprozesses auf das Bindungserleben zurück…“ bevor die Bindung bestand. Der Trauernde erlebt wie das Kind, dessen Mutter zeitweise abwesend ist, die Verzweiflung des Verlassensein. Wie für das Kind ist für den Trauernden die Abwesenheit des geliebten Menschen eine existenzielle Bedrohung.“[4]

2 Grundbedürfnisse, die den Sinn des Lebens ausmachen

Roland Kachler spricht von zwei Grundbedürfnissen, die aber ausgeschaltet sind:

  • Das Bedürfnis nach Kontinuität der biografischen Selbsterzählung
  • Das Bedürfnis nach Bedeutung und Sinn der biografischen Erfahrungen.[5]

Roland Kachler entwickelte nun einen neuen „hypnosystemischer“ Ansatz in der Trauerbegleitung und integriert dabei Robert Neimeyers kognitiv-konstruktivistischen, narrativen Ansatz in der Trauerbegleitung. Der systemische Ansatz in der Trauerbegleitung arbeitet mit dem Beziehungssystem, das der Verstorbene und der Trauernde bilden. Aus hypnosystemischer Sicht geht es „um die Neukonstruktion einer inneren Beziehung des Trauernden zum Verstorbenen unter der schmerzlichen Bedingung der Abwesenheit…“.[6]

Helmut Bundschuh

[1] Verena Kast, Trauern – Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, S. 78 ff

[2] Yorick Spiegel, Der Prozess des Trauerns, S. 21 ff, S. 44 ff

[3] John Bowlby, Verlust, Trauer und Depression, S. 183

[4] Roland Kachler, Hypnosystemische Trauerbegleitung, S.132

[5] Ebenda, S. 47

[6] Ebenda, S. 51

Erzähl dein Leben

Wie die persönliche Lebensgeschichte unsere Identität formt

Erinnern und erzählen gehen Hand in Hand. Nicht nur zu besonderen Anlässen, auch im Alltag erinnern sich Menschen an Vergangenes. Erzählende beschreiben oft, was sie gefühlt und gedacht haben und fügen den Ereignissen eine weitere Kategorie hinzu.

Eine ältere Frau schreibt Tagebuch und stellt fest, wie sich Erinnerungen verändern
In der Kindheit abgespeicherte Erinnerungen verblassen oft im Erwachsenenalter und bahnen sich im Alter wieder einen Zugang ins Bewusstsein

Meistens beginnt die Erinnerung irgendwann ab dem fünften oder sechsten Lebensjahr. 2012 zeigte die Psychologin Patricia Bauer von der Emory University in Atlanta, dass „Kleinkinder Erlebtes schlecht abspeichern und auch leicht wieder vergessen. Diese frühkindliche Amnesie betrifft in der Regel die ersten drei bis vier Jahre“.[1] Die frühesten Schilderungen stammen meist aus Erzählungen anderer Familienmitglieder, die persönlich eingefärbt sein können und sich wie Legenden im Lauf der Zeit auch verändern können. Elizabeth Loftus von der University of California stellte fest, dass die frühe Rückschau von Menschen oft falsch ist. „… die Rückschau dient eben nicht nur dazu, Fakten wiederzugeben, sondern vor allem die eigene Identität darzustellen.“[2]

Unsere Erzählungen sind ein Spiegelbild unserer Identität

Wenn wir von früher erzählen, geben wir immer auch preis, wer wir sind. Ein und dieselbe Geschichte, in gewissem Zeitabstand erzählt, kann durch aktuelle Geschehnisse, Gefühle und Gedanken völlig unterschiedlich klingen. Diese Fähigkeit, eine Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu erzählen, erlernen wir schon früh. Kleine Kinder bemerken, dass Eltern und Geschwister dieselbe Geschichte anders erzählen, dass zwar Ort und Zeit übereinstimmen, dass aber subjektive Gefühle und Bewertungen unterschiedlich sind.

Dabei erleben sie, dass vergangene Ereignisse wieder ganz lebendig werden können und dass diese im Rückblick neu bewertet und verstanden werden können. Mit der Zeit entstehen so „Rückblicke“ auf Lebensphasen.

Die „Mainlife“ Studie zeigt, wie sich Geschichten verändern

In der Langzeitstudie „Mainlife“ an der Goethe Universität in Frankfurt am Main untersuchen sie Psychologen Christin Köber und Tilmann Habermas seit 2003, wie solche Lebensgeschichten entstehen und wie sie sich mit der Zeit verändern.[3] Im Abstand von 4 Jahren erzählten 172 Studienteilnehmen zwischen 8 und 69 Jahren Erinnerungen aus ihrem Leben. Beobachtet wurde, ob die Probanden die Ereignisse im Lauf der Zeit chronologisch veränderten und ob sie beim Leben im Rückblick Vergangenes mit der Gegenwart verglichen.

Geachtet wurde außerdem auf die „kausalmotivationale Kohärenz[2]. Weil wir reflektieren, ob bestimmte Ereignisse unsere Persönlichkeit geformt haben, gelingt es, trotz ständiger Veränderungen eine stabile Identität herzustellen.

Mit 12 Jahren beginnen wir, das Leben zu betrachten

Zwölfjährigen gelingt es immer besser, chronologisch und nachvollziehbar über ihr Leben zu berichten, mit sechzehn gelingt es, autobiografische Zusammenhänge der eigenen Persönlichkeit mit äußeren Ereignissen in Zusammenhang zu bringen.

Je älter Probanden waren, desto weniger neigten sie dazu ihre Persönlichkeit infrage zu stellen sondern konzentrierten sich auf wesentliche Kerneigenschaften ihrer Persönlichkeit. Sie neigten dann eher dazu, nur bei Bedarf einzelne Charaktereigenschaften oder Wesenszüge zu verändern.

 

[1] Christin Köber und Tilmann Habermas in Gehirn und Geist; Nr. 1/2016, S. 28

[2] ebenda

[3] Christin Köber und Tilmann Habermas in Gehirn und Geist; Nr. 1/2016, S. 29

[4] Die Fähigkeit Punkte im Leben zu benennen, an denen entscheidende Veränderungen stattgefunden haben, diese mit der eigenen Person und anderen Ereignissen in Beziehung zu setzen.

 

 

Große Auswahl – großer Frust

Zu viele Wahlmöglichkeiten machen unglücklich

Je mehr Auswahl, desto besser – könnte man meinen. Tatsächlich zeigen neue Studien, dass ein Überangebot an Wahlmöglichkeiten unglücklich macht.

Noch nie hatten wir so viele Wahlmöglichkeiten in allen erdenklichen Lebensbereichen wie heute. Jeder kann sie nach Belieben nutzen – oder es sein lassen. Studien aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen legen jetzt nahe, dass der Zuwachs an Angeboten in den Industrieländern mit vermindertem Wohlbefinden einhergeht.

Sollen akribische Menschen genügsamer sein?

Der Psychologe Barry Schwartz untersuchte am Swarthmore College (Pennsylvania) mit seinem Team an mehreren tausend Probanden, warum sich viele Menschen nicht freuen, wenn ihre Wahlmöglichkeiten wachsen. Nach Fragen wie: „Ich gebe mich nie mit dem Zweitbesten zufrieden“ oder „Bin ich nachträglich mit meiner Entscheidung zufrieden“ teilten sie die Versuchsteilnehmer in zwei Gruppen ein. Die akribischen Maximierer, die stets auf die bestmögliche Wahl aus sind und die Genügsamen, die sich auch mit halbwegs zufrieden stellenden Optionen begnügen.

Barry Schwartz erforscht die Vernetzung von Psychologie und ökonomischen Zusammenhängen

Die Maximierer stellen mehr Produktvergleiche an und brauchen länger für eine Entscheidung, während die Genügsamen mit Vergleichen aufhören, wenn sie ein Produkt gefunden haben, das ihren Erwartungen entspricht. Auch wenn es nicht immer das günstigste ist. Maximierer studieren Magazine, Testberichte und opfern viel Zeit für eine Kaufentscheidung. Tatsächlich treffen sie objektiv meist die bessere Entscheidung als die Genügsamen, sind aber dennoch unzufriedener.

Das könnte laut Barry Schwartz Ergebnissen an der verhältnismäßig großen Investition an Zeit und Anstrengung liegen. Es macht ihnen wenig Freude besser abgeschnitten zu haben, jedoch erhebliches Kopfzerbrechen, wenn sie schlechter abschneiden. Oft empfinden sie bei ihrem Kauf Reue und sie brauchen länger, sich danach wieder wohler zu fühlen. In Tests erwiesen sie sich erwartungsgemäß als weniger glücklich, pessimistischer und deprimierter ab, viele wiesen Symptome einer Depression auf.

Ein Grund könnten die sogenannten Opportunitätskosten sein. Das sind fiktive Kosten, die sich zunächst nicht in Geld, jedoch in persönlichen Werten messen lassen. Wer einen Strandurlaub bucht, verpasst möglicherweise ein Kulturangebot, das ihn mehr interessieren würde. Wer einen Museumsurlaub bucht, könnte die das Lebensgefühl in einer fremden Stadt verpassen. Schon der Nobelpreisträger Daniel Kahneman von der Princeton University stellte fest, dass fiktive Kosten stärkere psychologische Wirkung haben als Gewinne. Manchmal wirken sich diese fiktiven Kosten lähmend aus. Barry Schwartz sagt dazu: „Den Menschen tut es nicht nur leid um die entgangenen Möglichkeiten, sondern oft bereuen sie auch die getroffenen Entscheidungen. Es überrascht auch nicht, dass Menschen, die besonders zum Bedauern ihrer Wahl neigen, in der Regel Maximierer sind. In der Tat glauben wir, dass Furcht vor künftiger Reue ein wichtiger Grund für das Maximierungsverhalten ist. Doch leider wird man die Entscheidung umso wahrscheinlicher bereuen, je mehr Optionen es gibt und je mehr Opportunitätskosten man zu tragen hat.“[1]

Ein weiteres Phänomen könnte das Frustrationspotential der Maximierer befeuern: Die Gewöhnung. Weil wir uns an die Annehmlichkeiten des Lebens gewöhnen, erfüllen sie mit der Zeit nicht mehr unsere Erwartungen. Das positive Erlebnis hält nicht mehr lange an, zu schnell wird ein Produkt von einem noch besseren abgelöst. Die Opportunitätskosten einer Entscheidung sind Kosten die wir im Voraus bezahlen, die sich als befriedigendes Erlebnis kaum noch amortisieren können.

„Ein Übermaß an Alternativen kann auch noch dadurch Kummer bereiten, dass es allzu hohe Erwartungen weckt“, so Schwartz. „Unsere Forschung belegt, dass Maximierer besonders anfällig für Depressionen sind.“[2]

Angesichts dieser Schwierigkeiten, so Barry Schwartz, seien die Industriegesellschaften gut beraten, ihre „Anbetung der unbegrenzten Wahlfreiheit zu überdenken“. Wer will schon generell die Auswahlmöglichkeiten einschränken? Die Studie scheint zu belegen, dass exzessive Angebotsvielfalt Stress verursacht. Individuelle Gegenstrategien würden eine neue Denkungsart erfordern – das würde mutmaßlich die Industrie verhindern wollen. „Unentwegt werfen die Hersteller neue Produkte auf den Markt, als bräuchten wir mehr Vielfalt. Wie aus meinen Forschungen hervorgeht, beruht die Entwicklung in all diesen Bereichen wahrscheinlich auf zutiefst falschen Annahmen.“[3]

Von Helmut Bundschuh

[1] Schwartz, B. et al.: Maximizing Versus Satisficing: Happiness is a Matter of Choice. InSpectrum der Wi9ssenschaft, Higlights 3/15, S.7 ff.

[2] ebenda

[3] ebenda

 

Selbsthilfe für Herzkranke an der Technischen Universität München

Neue Psychokardiologische Selbsthilfegruppe gegründet

Ein Beitrag von Helmut Bundschuh

Die Disziplin „Psychokardiologie“ ist jung und sucht sich noch seinen Platz in der Psychotherapie – aber schon wird in allen Treppenhäusern deutscher Kliniken darüber diskutiert, wie psychologische Unterstützung in der Prävention eingesetzt werden könnte. Im Klinikum rechts der Isar in München startet im Januar nun der Versuch, stressanfällige Herzpatienten in einer Selbsthilfegruppe emnotional zu unterstüzen.

Viele Herzpatienten leiden unter Ängsten

Der Bedarf ist groß, jeder dritte Herzpatient leidet unter Ängsten oder Depressionen, nach Operationen entstehen oftmals Traumatisierungen, die zu starken Belastungen führen können, die unbehandelt chronifizieren. Im Mai wurde die erste psychokardiologische Selbsthilfegruppe für Herzkranke im Selbsthilfezentrum München von mir gegründet, nun habe ich die Möglichkeit, im Klinikum rechts der Isar ein weiteres Selbsthilfe Projekt für stressanfällige Herzpatienten aufzubauen.

In Kooperation mit der Arbeitsgruppe für Psychokardiologie an der Technischen Universität in München wird ab Februar 2016 unter der Leitung von Dr. Joram Ronel im Klinikum rechts der Isar ein Selbsthilfeprogramm für herzkranke Patienten, die unter seelischen Belastungen leiden, gestartet. Ziel ist niedrigschwellige Prävention in der Kardiologie, bevor medizinische oder psychotherapeutische Intervention nötig wird.

Ziel ist der gemeinsame Erfahrungsaustausch

Hintergrund des Projektes ist,  ein Forum des Austausches unter „Gleichgesinnten“ auch im klinischen Umfeld umzusetzen. „Ziele der Selbsthilfegruppe sind der gemeinsame Informations- und Erfahrungsaustausch, praktische Lebenshilfe und gegebenenfalls gemeinsame Unternehmungen“, sagt Dr. Joram Ronel, medizinischer Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Klinik rechts der Isar.

Die Gruppe trifft sich ab 3. Februar jeden 1. Donnerstag im Monat von 18.00 bis 20.00 Uhr. Anmeldungen und genauere Informationen erhalten sie auf meiner Homepage. Um vorherige Anmeldung wird gebeten.